Liebe Gemeinde,
Wer kennt Sie am besten? Ist es Ihr Ehemann, Ihre Ehefrau, Ihre
Schwester oder Ihr Bruder, Ihre Mutter, ein Freund oder eine Freundin?
Ist dieser Mensch heute auch hier, oder ist er oder sie woanders,
vielleicht auch nur noch ein Teil Ihrer Erinnerung?
Und dann als zweite Frage: Wer braucht Sie? Ihr Ehepartner, Ihre Kinder,
Ihre Eltern? Ich wünsche mir, dass Ihnen gerade die richtige Anzahl von
Menschen einfällt, dass Sie nicht denken müssen, dass Sie wohl möglich
nicht gebraucht werden, oder dass Sie von so vielen gebraucht werden,
dass Sie dringend eine Pause davon brauchen.
Dass uns noch ein anderer kennt- besser als wir uns vielleicht selber
kennen- und dass uns noch ein anderer braucht- für seine Welt, darum
geht es in den Worten aus dem Buch des Propheten Jeremia für den
heutigen Sonntag:
Gott kennt uns, Gott braucht uns, und zum Schluss: Gott steht uns bei.
Ich lese aus Jeremia 1:
Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte
dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum
Propheten für die Völker.
6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich
bin zu jung.
7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du
sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir
gebiete.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich
erretten, spricht der HERR.
9 Und der Herr streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und
sprach zu mir: Siehe ich lege meine Worte in deinen Mund.
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, daß du
ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und
pflanzen.
Gott kennt mich-Sie-jeden von uns
Gott spricht hier zu Jeremia. Aber das, was er zu Jeremia sagt, das gilt
auch für uns. Psalmworte sprechen auch davon: Herr, du erforschest mich
und kennst mich. Du verstehst meine Gedanken von ferne (Psalm 139). Gott
kennt mich, besser sogar als ich selbst und andere mich kennen. Gott
kennt mich. Er hat einen Blick für mich, und Gott weiß von Fähigkeiten
und Begabungen, die noch ganz tief schlummern in mir und die ich selbst
vielleicht noch nicht entdeckt habe.
Ein schöner Gedanke ist das für mich, dass Gott an mir nicht nur sieht,
woher ich komme, wie ich jetzt bin und was ich aus meinem Leben gemacht
habe. Gott sieht offenbar tiefer und weiter. Gott sieht auch, was noch
aus mir werden kann, wozu ich begabt bin, welche verborgenen Schätze in
mir liegen.
Gott sieht nicht nur meine Wirklichkeit, sondern auch meine
Möglichkeiten. Aber er rechnet Wirklichkeit und Möglichkeit nicht
gegeneinander auf. Ich musste dabei an Verse aus dem Kinderlied „Weißt
du, wieviel Sternlein stehen „ denken. „Kennt auch dich und hat dich
lieb“, heißt es da.
Und nur mit solcher Liebe im Rücken kann die Wirklichkeit unseres Lebens
immer wieder- ein bißchen- an die Möglichkeit heranreichen. Gott
verdammt uns Menschen nicht dazu, andere zu werden. Er gibt uns das
Recht dazu. So, wie es auch die Menschen tun, die uns kennen und lieben.
Nur schöner, tiefer, göttlicher....weil er uns kennt.
Gott braucht mich
Wir sind doch keine Propheten – mögen Sie vielleicht einwenden.
Ja, aber vielleicht werden wir zu welchen, weil Gott ja auch heute
Menschen braucht, die ganz alltäglich seinen Standpunkt vertreten.
Kann ich das wirklich, Gottes Wort weitersagen in unserer Zeit? Fehlen
mir nicht oft die guten Ideen, die Kraft, der lange Atem? Bin ich nicht
auch, wie Jeremia, zu jung, zu alt, zu beschäftigt, zu sehr Mensch?
Gott antwortet dem Jeremia auf seine Einwände unmissverständlich: "Tu,
was ich dir sage."
Was auf den ersten Blick hart und kompromisslos klingt, ist letztlich
doch eine große Entlastung, die auch mir gut tut. Denn ich höre aus der
Antwort Gottes:
Sein Bote soll ich sein, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.
Gottes Boten sind wir als Christinnen und Christen. Gottes Boten sind
wir - nicht weniger, aber eben auch nicht mehr,
Auch mit meinem manchmal armseligen Glauben kann Gott etwas anfangen.
Auch wenn ich selbst mit vielen Fragen nicht im Reinen bin, Gott hat für
mich trotzdem eine Aufgabe. Auch wenn ich vielleicht zögere wie Jeremia.
Jeden von uns hat Gott von Anfang an "ausgesondert": Gott hat uns in
unserer Taufe von Anfang an aufgenommen in die Gemeinschaft der Brüder
und Schwestern Jesu. Wir konnten und mussten dazu gar nichts dazutun.
Von Anfang an sind wir Gott wertvoll und wichtig.
In dem 25-jährigen Priestersohn, der sich nicht ins Rampenlicht drängte,
der lieber nicht auffiel, erkannte Gott seinen Propheten.
Er sollte dort von Gott erzählen, wo die Menschen Gott vergessen haben.
Er sollte sich da einmischen in Gottes Namen, wo man Gott lieber
ausklammern wollte, bei politischen Entscheidungen zum Beispiel
- und wir fragen zurecht, ob das heute soviel anders ist.
Jeremia musste seinen Zeitgenossen auch so manche unbequeme Wahrheit im
Namen Gottes sagen, weil Gottes Willen eben nicht immer zum Zeitgeist
passte und passt. In Jeremia erkannte Gott den richtigen Mann für diese
Aufgabe.
Und wozu sind wir berufen? Vielleicht fällt uns die Antwort deswegen
schwer, weil das Wort Berufung so schwer wiegt. Aber eigentlich brauchen
wir bei uns nur nach dem zu suchen, was unseren Mitmenschen dient, ihnen
nützt, sie erfreut. Das Mitsingen in der Kantorei zum Beispiel, die
Mitarbeit beim Gemeindefest, das Steineschleppen und Kuchenbacken beim
Kirchenumbau. Die Arbeit in der Frauenhilfe, in der Bücherei. Das
freundliche Miteinander-Umgehen an unserem Arbeitsplatz, das Erkennen
von Not in der Nachbarschaft, .... In all diesen Dingen wird Berufung
erkennbar, wird Gottes Welt wirklich.
Sicher gehört aber auch „das prophetische“ dazu. Wer von seiner
unverwechselbaren Würde weiß, die Gott ihm schenkt,
kann nicht mit ansehen, wie die Würde anderer Menschen in den Schmutz
getreten wird.
Als Christen und Christinnen haben wir eine besondere Verantwortung,
Vorurteile zu "zerstören", dumme und gefährliche Parolen - von wem auch
immer - "auszureissen" und stattdessen Menschlichkeit und gegenseitige
Achtung zu "pflanzen". Als Christenmenschen ist es unser Beruf und
unsere Berufung, wie der Prophet damals Unrecht beim Namen zu nennen,
auch wenn es uns Überwindung kostet und manchmal vielleicht selbst in
Schwierigkeiten bringt.
Gott schützt mich.
Von Jeremia wissen wir ja auch, dass sein Leben durch die Berufung zum
Propheten nicht leichter wurde. Mit Spott musste er fertig werden, die
eigenen Verwandten trachteten ihm nach dem Leben, Konflikte mit
staatlichen Machtträgern und der Tempelpolizei blieben nicht aus.
Um so wertvoller ist ihm darum wohl der Zuspruch Gottes von Anfang an
gewesen: "Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir und will dich
erretten, spricht der Herr."
So wie wir in jedem Gottesdienst von Gott gerufen und berufen werden,
steht nicht ohne Grund am Ende auch für uns im Segen Gottes Zuspruch
bereit:
Fürchte dich nicht, wenn du nun weitergehst in den Sonntag und die neue
Woche. Fürchte dich nicht vor dem, was auf dich einstürmt, was dich
bedrängen und bedrücken kann. Ich, dein Gott, der dich kennt - ich, dein
Gott der dich braucht - ich, dein Gott, stehe dir zur Seite.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 02.11.06