Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder!

„Ich weiß nicht. Soll ich meines Bruder Hüter sein?“ So will Kain Gottes Frage nach seinem ermordeten Bruder Abel abschieben. Wir haben eben diese Geschichte gehört. Es ist die Geschichte von Geschwisterrivalität, von Neid, Aggression, Heimtücke und Gewalt. Kain will sich seiner Verantwortung entziehen, auch als Gott ihn zur Rede stellt. Doch am Ende wird er, der Mörder, begnadigt, kommt ungeschoren davon, gründet die erste Menschenstadt und wird der Stammvater von uns allen zivilisierten Menschen.

Wir glauben an Christus, der auferstanden ist. Wir haben eben die Kinder getauft im festen Vertrauen darauf, dass Christus lebt, dass er nicht tot ist, sondern von den Toten auferstanden ist. Deshalb haben wir die Taufkerzen an der Osterkerze, dem Symbol der Auferstehung angezündet. Ich stelle mir vor, auch Abel könnte noch einmal auferstehen und Kain hätte eine zweite Chance, sich zu ihm zu verhalten. Ich stelle mir das vor als ein Nachfahre von Kain, denn auf ihm gründet sich unsere Zivilisation. Und Zivilisation tötet. Wir vergewaltigen die Natur, die Tiere, die geschlachtet werden. Wir leben auf Kosten der Armen in dieser Welt. Wir finden uns mit Massenarbeitslosigkeit und der Zwei-Drittel-Gesellschaft ab. Und können noch immer ruhig schlafen. Liebe Schwestern und Brüder, Kain ist ein Teil von mir, ist ein Teil von uns allen.

Und da steht er nun, der Kain. Und Gott fragt ihn die Frage aller Fragen: Wo ist dein Bruder Abel? Wo ist der, mit dem dich gleiches Blut verbindet? Wo ist der, der wohl anders ist als du, aber doch mit dir ganz nah verwandt? Ich hoffe, jetzt, bei der zweiten Chance, sagt Kain etwas anderes, nämlich: „Ich weiß es. Er lebt. Und ich bin sein Hüter, sein Bruder – ich habe immer auf ihn achtgegeben.“

Wenn wir dies sagen können, wirklich mit dem Herzen sagen können, dann hat der Frieden eine Chance. Ich möchte es so sagen: Wir brauchen unter uns einen Geist der Achtsamkeit. Gott fragt auch uns heute: „Wo ist dein Bruder, deine Schwester? Wo ist der, der anders ist als du, aber dennoch ganz nah mit dir verwandt?“ Wenn wir ihm nicht sagen können: „Ich weiß, wo er ist und ich habe acht auf ihn.“ - dann sind wir mitschuldig an seinem Tod. So radikal sagt das unser Predigttext. Wenn wir schweigen, nicht hinschauen, wo Unrecht geschieht, wenn wir verdrängen, was uns bedrängt, dann können wir wohl andere und sogar uns selbst täuschen - aber Gott nicht.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes“ - das ist der Spruch dieses Sonntages. Und wir werden gefragt: wo warst du, als dein Bruder, der Asylbewerber abgeschoben wurde, wo warst du, als in deiner Stadt Menschen ihren Arbeitsplatz und ihre Existenz verloren haben, wo warst du, als deine Mitgeschöpfe, die Tiere, gequält wurden, wo warst du, als deine Mitmenschen in den Gefängnissen der Diktatoren gefoltert und getötet wurden? Sagen wir niemals wieder: „Ich weiß nicht. Ich habe von nichts gewusst. Soll ich etwa für alles verantwortlich gemacht werden? Soll ich auf alles achtgeben?“ Solche Ausreden kannst du vor Gott nicht mehr bringen. Zu oft ist Abel neu getötet worden. Aber noch lebt er. Noch haben wir die Chance zu sagen: „Mein Bruder, meine Schwester, sie sind hier: Ich achte auf sie.“

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes“ Das ist der Spruch dieses Sonntages. Einer der prominentesten und erfolgreichsten Menschen dieses zu ende gehenden Jahres hat im letzten Jahr, als er noch von allen möglichen kritisiert und lächerlich gemacht wurde, folgendes gesagt: „Ich habe einfach keine Lust, mich ständig zu rechtfertigen. Denn letztendlich gibt es nur einen, vor dem wir alle Rechenschaft ablegen müssen. Und das ist Gott. Von ihm werden wir alle irgendwann gemessen Und vor ihm ist dann die Frage zu beantworten, ob du gewissenhaft warst und anständig.“ Diese bemerkenswerten Sätze sagte kein anderer als Jürgen Klinsmann. Bemerkenswert deshalb, weil hier deutlich wird: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes“ - das ist keine Angst machende Vorstellung, das ist eine Befreiung! Es wäre unendlich schlimm, wenn wir allein von dem Urteil der Menschen abhängig wären, wenn das die größte Instanz wäre, vor deren Urteil wir uns fürchten müssen. Ein Kain wäre von Menschen ohne zu zögern zum Tode verurteilt worden. Heimtückischer Mord aus niederen Motiven am eigenen Bruder. Nur der Tod kann das rächen. Bei Gott ist das anders. Gott verurteilt den Übeltäter, doch er schenkt ihm das Leben, er verurteilt ihn zum Leben. Gott ist barmherzig, gnädig und voller Güte. Gott sieht weiter als wir Menschen. Gott achtet auf uns wie niemand sonst – selbst mehr als wir selbst auf uns achten können. So befreit er zum Leben, zur Liebe. So macht er aus verurteilten Mördern Friedensstifter.

Um Friedenstifter zu sein, brauchen wir den Geist der Achtsamkeit. Dann hat der Frieden eine Chance. Menschen schreiben Postkarten an ferne Diktatoren. Sie setzen sich für Menschen ein, kennen ihre Namen. Und der Diktator soll merken: auf den, der für mich nur eine Nummer, ein lästiges Insekt ist, haben andere acht. Menschen setzen sich für Behinderte, für Außenseiter und Schuldig-Gewordere ein. Es ist ihnen nicht gleichgültig, was aus denen wird, die - und wenn zu recht - von der Gesellschaft abgeurteilt wurden. Ganz selbstverständlich soll es in unseren Gemeinschaften sein, dass wir ganz besonders auf die achthaben, auf die andere oft herabsehen. Ich sage es ganz deutlich: Wenn sich solche Menschen nicht bei uns in der Kirche geborgen und angenommen fühlen, dann ist es Gott selbst, der sich in unserer Kirche nicht mehr wohl fühlt. Menschen gedenken aktiv der Opfer von Kriegen und Verfolgungen. Sie schauen zurück, vergessen nicht. Und das gerade am, aber nicht nur am Volkstrauertag.

Wir brauchen den Geist der Achtsamkeit. Der Achtsamkeit gerade denjenigen gegenüber, die zur Nummer gemacht werden. Ich denke auch an die Kurgäste in unserer Stadt, diejenigen, die nach Heilung an Leib und Seele suchen. Wir haben besonders mit den Menschen zu tun, die aus der Bahn geworfen sind, sei es durch Krankheit, durch einen Schicksalsschlag, durch Ausgrenzung.

Frieden entsteht nicht da, wo Kleine stillhalten, damit die Großen das Sagen behalten. Frieden entsteht nicht da, wo der Klügere nachgibt und Probleme unter den Teppich gekehrt werden. Frieden hat nur da eine Chance, wo Menschen aufeinander acht geben. Dort, wo sie in sich selbst den Geist der Achtsamkeit entdecken und pflegen. Wo jemand nicht auf sich selbst acht hat, wo er an sich selbst vorbei lebt, wo er nur an Karriere, Macht, eigenen Status, eigenen Erfolg denkt, da vergisst er acht zuhaben auf seine Fähigkeit zu lieben, seinen Sanftmut, seine Verantwortung, seine Träume von einem besseren Miteinander, auf das Kind in sich, auf sein eigenes Schwachsein.

Doch wo wir auf das achten, was uns wirklich leben lässt, nämlich die Liebe, das Verschenken, das Schwachsein-Dürfen, das Vertrauen-Können, das Trotz-allem-Glauben-Dürfen: dann achten wir plötzlich auch auf das, was unbedingt geschützt werden muss: auf die Kinder, auf die Kranken, auf die Verirrten, auf die Ausgestoßenen und Mutlosen, auf die gequälte Natur, auf die Zweifler und Fragenden - und auch auf die Schuldig-Gewordenen.

Der Geist der Achtsamkeit muss bei uns beginnen. In uns, in unseren Familien, in unserem Kurort, in unserem Land – bei den Menschen, die uns anvertraut sind. Gott befreit uns zu sagen: Hier ist mein Bruder, meine Schwester.

Ich habe acht auf sie, so gut ich kann.



Wer Frieden sucht, wird den andern suchen,
wird Zuhören lernen, wird das Vergeben üben,
wird das Verdammen aufgeben,
wird vorgefasste Meinungen zurücklassen,
wird das Wagnis eingehen,
wird an die Änderung des Menschen glauben,
wird Hoffnungen wecken,
wird dem andern entgegengehen,
wird zu seiner eigenen Schuld stehen,
wird geduldig dranbleiben,
wird selber vom Frieden Gottes leben.


Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Kreatur, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 19.11.06