
Alles hat seine Zeit
Ansprache im Ök.Gottesdienst zum Bibelsonntag, 29.Januar 2006, 19.00 Uhr, Kath. Pfarrkirche St.Martin
Pfarrer Detlev Schuchardt, Ev. Kirchengemeinde Bad Lippspringe / Pastor Georg Kersting, Kath. St. Martinsgemeinde Bad Lippspringe
Kohelet 3, 1- 8
„Unser Zeitempfinden – unser Umgang mit Zeit“
Liebe Schwestern und Brüder,
hören Sie mit mir einmal auf das Ticken dieser Uhr (tickende Wohnzimmeruhr wird nach vorn gestellt) – Sekunde für Sekunde tickt sie herunter. Gleichförmig. So vergeht die Zeit, gnadenlos, immer im gleichen Tempo. Wir können die Zeit nicht anhalten, nicht dehnen und nicht verkürzen.
Diese Zeit kannte auch Kohelet, der sogenannte „Prediger Salomo“. Dieses Verständnis von einfach mechanisch vergehender Zeit. Doch davon schreibt er nicht. Diese Zeit hat er nicht im Blick, wenn er schreibt: es gibt für alles eine Zeit. Damit meint er den Zeitpunkt, also den Moment, wenn sich etwas ereignet. Denn dann verläuft unsere Zeit alles andere als gleichförmig.
Es gibt Momente, Zeitspannen, die vergehen unendlich langsam. Etwa dann, wenn wir auf etwas warten, wenn wir uns wünschen, dass endlich der Zeitpunkt eintrifft, wenn etwas der lang ersehnte Besuch endlich kommt. Oder wenn wir etwas Schwieriges, Unangenehmes tun müssen, dann vergeht die Zeit dafür auch viel zu langsam. Andererseits kennen wir das doch auch: Die Zeit vergeht wie im Fluge. Das Schöne, die Ferien, die angenehmen Besuche – all das geht viel zu schnell vorbei.
Zeit erscheint auch uns wie Kohelet alles andere als gleichförmig. Wir merken, wie wir selbst durch unsere Gefühle Zeiträume ganz unterschiedlich empfinden. Auch Zeitpunkte sind ganz durch unsere persönlichen Einstellungen geprägt. Was für den einen ein guter Zeitpunkt ist, ist für einen anderen ein schlechter Zeitpunkt. Und es gibt nicht wenige Ideen, Unternehmungen auch Äußerungen, die sind eigentlich ganz sinnvoll und gut – aber der Zeitpunkt dafür stimmt einfach nicht.
Wir hören auf das Ticken der Zeit, die gnadenlos abläuft. Und dennoch bestimmen wir ganz aktiv mit, ob Zeit gute Zeit ist, ob Zeiträume schnell vergehen oder unendlich gedehnt werden, ob ein Zeitpunkt gut oder schlecht gewählt ist. Bei Kohelet geht es im Kern um die Frage: Was machen wir aus unserer Zeit? Welchen Gewinn, ziehen wir aus dem, womit wir unsere Zeit füllen; womit wir unsere Zeit vertun oder sinnvoll nutzen?
Kohelet ist kein Schönredner. Er ist eher ein Skeptiker. Er nennt die Dinge beim Namen und legt die Finger in die Wunde: „es gibt für alles eine Zeit.“ – weißt du das ?!
Leben wir so oder lassen wir von der Zeit nur hetzen, verpassen wir die richtige Zeit – ja, stehlen wir einander geradezu die Zeit?
Pastor Detlef Schuchardt
Liebe Schwestern und Brüder,
ein Kennzeichen der modernen Zeit ist die Beschleunigung.
Brauchte es früher eine Tagesreise, um zu Fuß von A nach B zu gelangen und ging es dann mit dem Pferd oder der Kutsche schon schneller, schafft man heute die Entfernung mit dem Auto oder der Bahn in einer Stunde. Noch schneller sind Hochgeschwindigkeitszüge. Am Schnellsten sind Flugzeuge oder Raketen. Ein enormer Zeitgewinn! Ebenso ist es bei technischen Geräten, zum Beispiel im Haushalt: Waschmaschine oder Geschirrspüler erleichtern die Arbeit und verkürzen die effektive Arbeitszeit. Aber was macht man mit der gewonnenen Zeit?
Zudem hat die Zeitersparnis mitunter zwei Seiten. Sie bietet Erleichterungen und erhöht die Möglichkeiten. Zugleich wächst aber der Druck: Wie bei einer Spirale soll die Schnelligkeit und Effektivität immer weiter gesteigert werden. Mit dem Telefon oder neuerdings mit dem Handy ist man ständig überall erreichbar. Aber weh dem, der nicht ans Gerät geht oder die Anrufe auf der Mailbox nicht beantwortet. Er ist ein Spielverderber. Er hält sich nicht an die Erwartungen, die mit den modernen Medien gegeben sind. Brauchte ein Brief früher ein bis zwei Tage, um beim Empfänger einzutreffen, so geht es mit FAX oder E-Mail binnen Sekunden. Für diesen Zeitgewinn wird die Antwort aber auch ebenso schnell erwartet. Weh dem, der seine E-Mails ungelesen oder unbearbeitet im Speicher liegen lässt. Sowas macht man nicht!
Die Beschleunigung und der Druck sind besonders in der Arbeitszeit spürbar. ‚Zeit ist Geld’ heißt es. Wenn die Arbeitskosten in Deutschland vergleichsweise hoch sind und die Maschinenlaufzeiten teuer, dann muss in dieser vom Arbeitsgeber bezahlten Zeit möglichst viel möglichst effektiv geschehen. Strukturen werden gestrafft, Arbeitsvorgänge optimiert und Prozesse beschleunigt. Bei all dem drohen manchmal der Mensch und das Menschliche auf der Strecke zu bleiben.
Wie soll man mit dem knappen Gut Zeit umgehen? Für diese Frage empfehlen sich Zeit-Management-Kurse. Hier wird trainiert, Prioritäten zu setzen, um zielgerichtet und sinnvoll zu arbeiten und die anstehenden Aufgaben zu bewältigen.
Das kann hilfreich sein, um in einem Dschungel von Erwartungen, Ansprüchen und Verpflichtungen die Übersicht zu behalten. Mitunter kommen mir aber bei diesen Ratschlägen die Grauen Herrn aus Michael Endes bekanntem Buch ‚Momo’ in den Sinn. Die Grauen Herren geben den Menschen Tipps, wie sie ihre Zeit möglichst sinnvoll und effektiv gebrauchen können. Dabei berauben sie aber die Menschen der besten Zeit. Die eingesparte Zeit zerrinnt. Sie geht buchstäblich in Rauch auf: in die dicken Zigarren der Grauen Herren. Das Gegenbild zu den Grauen Herren sind bei Michael Ende die Stundenblumen, die jeder Mensch von Meister Hora, dem Herrn der Zeit, geschenkt bekommen hat. Die Stundenblumen stehen für erfüllte Zeit: für ein gutes Gespräch mit einem Freund; die Zeit, die man an einem Krankenbett verbracht hat; für alles, was mit Sorgfalt, Liebe und Herz geschieht. Diese Zeit ist wertvoll und bleibt im Gedächtnis.
Was ist der rechte Umgang mit der Zeit?
Zeitmanagement-Regeln können hilfreich sein. Aber sie sagen nicht alles.
Das für mich beste Beispiel eines geglückten Umgangs mit der Zeit finde ich in der Bibel im Neuen Testament: Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Der Priester und der Levit, die sich vom Mann am Straßenrand nicht stören lassen, halten ihren Zeitplan ein und sind pünktlich zum Dienst im Tempel. Aber an der eigentlichen Aufgabe des Tages, ja vielleicht ihres Lebens gehen sie vorbei. Anders der Samariter. Er schaut, was um ihn geschieht. Er spürt, was dran ist, was an der Zeit ist und lässt sich unterbrechen. So wird er nicht nur zum Nächsten, wie es Jesus sagt, sondern er schenkt und empfängt erfüllte Zeit. Zeit zum Leben.
Ein solche Sensibilität, ein solch sicheres inneres Gespür wünsche ich Ihnen: ein Gespür für das, was dran ist, was an der Zeit ist, -Zeit zu klagen oder Zeit zu tanzen- damit es erfüllte Zeit wird für sie und für andere. Amen
Pastor Georg Kersting
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 31.01.06