Christvesper 24.12.2005 - 18.00 St.Marien

Text: Jesaja 9, 1-6

Liebe Schwestern und Brüder,

was wäre eigentlich, wenn Gott heute, in diesen Tagen, noch einmal in einem Menschen geboren würde? Woran würden wir das eigentlich erkennen? Es müsste uns jemand sagen: „Das ist der Sohn Gottes!“ Aber woran merkt man das? Warum sollten wir ihm glauben? Tagtäglich werden auf der Welt Millionen Menschen geboren, jedes Kind könnte es sein, dieses Kind Gottes. Vielleicht wäre es ein Mädchen, vielleicht Zwillinge ... wer weiß dass schon?

Wieso sagen wir, dass Jesus Gottes Sohn war? Woran haben die Menschen ihn damals erkannt? Sicherlich nicht am Heiligenschein. Denn den haben erst nachfolgende Künstler dem Kind in der Krippe verpasst. Stern von Bethlehem, der Engel auf den Feldern ... das waren Hinweise, aber sie waren nicht allen Menschen einsichtig, denn es haben ja nicht alle in Jesus den Retter und Helfer aller Menschen erkannt.

Wichtig war wohl, dass die Menschen damals die Geburt eines Kindes ERWARTET haben, das den Frieden in alle Welt bringen wird. Dass dieses Kind das Licht der Welt sein wird, dass es ein großes Friedensreich errichten wird. Diese Erwartung teilten viele Menschen. Und es gab heilige Texte, die ganz konkret auf eine Geburt eines solchen Kindes hindeuteten.

Jesaja 9, 1-6 ist ein solcher Text. Ganz bekannte Worte, uralt, aus der Zeit, als das alte Israel durch das Volk Assur nicht nur bedroht, sondern fast vernichtet wurde. Damals verhieß der Prophet folgendes:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thorn Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.

Ja, und die Erfüllung dieser Verheißung haben die ersten Christen auf Jesus gedeutet. Wenn wir die alten Worte hören, dann ist das ein bisschen verwunderlich. Denn wen hat denn da der Prophet angekündigt: Sicherlich ein Kind. Aber doch auch einen Kriegsherrn, einen, der Schluss macht mit der Bedrohung durch das Volk Assur und allen anderen Feinden. Der ein Königreich gründet, wie es noch mächtigeres gegeben hat. Der alle Angehörigen dieses Königreiches jubeln lässt ohne Ende.

Und nun kam Jesus. Sicherlich als ein Kind. Aber ohne königliches Geblüt. Einfache Menschen waren seine Eltern. Einfach war seine erste Wiege. Praktisch eine Notunterkunft, weil kein Platz war für die Familie. Und von wegen ein besonderer Name: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst . Das Kind hieß wie viele andere „Jesus“, der modernen Form des alten Namens „Joschua“ - Gott hilft auf Deutsch.

Hat Jesus ein mächtiges Friedensreich gebracht? Das Ende aller Kriege? Hat alle Welt ihm zugejubelt? Urteilen Sie selbst, liebe Schwestern und Brüder.

Und dennoch haben Menschen genau gewusst und waren fest überzeugt: Das ist dieser erwartete Retter. Das Kind von Maria und Josef ist der, den Gott gesandt hat, den Frieden zu bringen. Noch mehr: Das ist nicht nur Mensch, sondern auch Gott selbst.

Woher wussten diese Menschen dies? Einmal: weil sie eine Sehnsucht hatten. Eine unendliche, quälende Sehnsucht nach Frieden, nach Erlösung, nach Gerechtigkeit, nach Leben. Deshalb konnten sie viel anfangen mit den alten Geschichten vom Leid ihrer Vorfahren im Krieg gegen das Volk Assur. Stark war diese Sehnsucht, die Hoffnung auf den einen, der umfassenden Frieden bringt. Denn Frieden ist viel mehr als Abwesenheit von Krieg. Frieden heißt: Der Kampf mit dem Bösen überhaupt ist gewonnen! Dem Bösen, dem Bedrohlichen in anderen Menschen, in der Natur, aber auch in uns selbst. Nicht wir haben diesen Kampf gewonnen, das könnten wir nicht, das schafften wir nie. Gott hat diesen Kampf gewonnen. Das zu erleben, daran Anteil zu haben, das ist diese große Hoffnung, die doch auch wir heute kennen.

Ein Kind Jesus besiegt das Böse! Maria wusste dass, denn sie hatte dieselbe Sehnsucht. Ein Engel sagte ihr: Das Kind, das du unter dem Herzen trägst, stillt diese Sehnsucht. Und Maria hat sofort 100%ig geglaubt. Warum? Weil einfache, sehnsüchtig wartende Menschen die Stimme eines Engels hören können und ihr vertrauen.

Dann die Hirten auf dem Felde? Warum haben sie, diese ungehobelten Außenseiter der Gesellschaft sich auf den Weg gemacht zum Stall von Bethlehem. Dieselbe Antwort: Weil einfache, sehnsüchtig wartenden Menschen die Stimme eines Engels hören können und ihr vertrauen.

Nach menschlichen Vorstellungen ist in dieser Heiligen Nacht kein Kriegsheld geboren worden. Kein Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Doch wer auf die Stimme des Engels hört - und das kann man noch heute - der sieht in dem kleinen Kind in der Krippe den Sieger im Krieg gegen das Böse. Dieses Kind wird Gewalt und Hass, Krieg und Unterdrückung durch die Liebe besiegen. Jesus wird soweit gehen, dass er sein Leben dafür gibt, dass endlich das Böse aufgeben muss und das Gute siegt. Doch ein „Wunder-Rat“, aber auf andere Art, weil er Wunder tut für die, die Augen haben, im ganz Alltäglichen ein Wunder zu sehen. Das Wunder des Lebens. Doch ein „Gott-Held“, weil Gott alles tut und wirkt, was die Freiheit bringt. Nicht wir Menschen müssen die Helden sein, Gott ist der Held. Doch ein „Ewig-Vater“, weil Gott den Menschen so nahe kommt wie ein leiblicher Vater. Einzigartig diese Gottesvorstellung, ein Gott, den man so anreden kann: Vater unser ... und der hört und für den keine Bitte zu gering ist.

Doch ein „Friede-Fürst“, weil Jesus umfassenden Frieden, den „Schalom Gottes“ bringen wird, in dem es keinen Hass, keine Unterdrückung und damit keinen Grund für Kriege mehr geben kann. Der Friede, der seinen Grund hat in der Versöhnung in den Herzen der Menschen, die aber auch nicht Menschen-Werk ist, sondern Gottes Tat, Gottes Geschenk - unverdient und ohne Grenzen.

Woran können wir heute in Jesus Gottes Sohn erkennen? Nicht am Heiligen-Schein. Nicht an der Geburt; denn jede Geburt ist ein Wunder, wie jeder Mensch ein Wunder ist. Vielmehr darin, dass in Jesus Gott selbst zu Welt kommt: Dass den Menschen, die in sich ihre Unvollkommenheit, ihre Sehnsucht nach Frieden spüren, von den Engeln, den Boten Gottes, angerührt werden und sich auf den Weg machen. Sie gehen hin und sehen: Dieses Kind ist wirklich der einzige Friede-Fürst. In ihm kommt Gott zur Welt und besiegt das Böse. Nicht die Symptome des Bösen werden besiegt, sondern die Wurzeln des Bösen. Das ist das Neue, das Entscheidende. In uns wird es friedlich, im Dunkel in uns selbst wird es hell, wenn wir diese Geschichte sehen und all die anderen Geschichten von Jesus lesen. Wir singen die Lieder und hören die Musik. In all dem schwingt die Stimme des Engels mit: „Euch ist heute der Heiland geboren“. Sehnsüchtige, wartende Menschen hören sie. Solche, die schweigen können, die offene Herzen haben, vielleicht an ihnen leiden, die Sachen auf den Grund gehen wollen und sich nicht mit der Oberfläche begnügen.

„Euch ist heute der Heiland geboren“. Hört Ihr dies, liebe Schwestern und Brüder?
AMEN.

 

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.01.06