
Startseite /
Predigten
Unser tägliches Brot
Predigt zum Erntedankfest, 1. Oktober 2006
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Unser tägliches Brot gib uns heute, so beten wir das, liebe
Gemeinde, in jedem Gottesdienst, aber noch öfter, zu vielen
Anlässen, bei vielen Gelegenheiten, mit anderen zusammen, für uns
allein.
Unser tägliches Brot gib uns heute – allein, um welches Brot bitten
wir denn da?
Gerade bei uns hier in Deutschland ist das nicht so eindeutig. Wir
haben hunderte von verschiedenen Brotsorten und immer wieder ist
etwas Neues auf dem Markt. Von Weiß- über Grau- bis zu Schwarzbrot,
mit oder ohne Körner, mit reduziertem Fett, reduzierten
Kohlenhydraten, mit zugesetzten Vitaminen oder Ballaststoffen,
selbst Canossa-Brot kann man zur Zeit kaufen, das Brot zur
Ausstellung.
Um welches Brot bitten wir, wenn wir Gott bitten, unser tägliches
Brot gib uns heute?

Vielleicht
um den Rosinenstuten? Lecker ist er, süß und weich. Ein purer
Genuss. Doch er hält nicht sehr lange vor im Magen und stillt den
Hunger nur für kurze Zeit.

Vielleicht
doch lieber das Graubrot. Das ist etwas handfestes. Ein Brot für
jede Gelegenheit. Ein Alltagsbrot? Oder wird das nicht vielleicht
schnell langweilig. Immer nur „grau in grau“-Brot eben.

Dann
doch Schwarzbrot? Schwarzbrot – ein ordentliches Stück für zwei,
drei Mahlzeiten oder für zwei drei Menschen zum Sattwerden?
Kräftig und nahrhaft sieht es aus, ordentliche Arbeit für Zähne und
Magen. Ordentlich Kraft für Herz, Kopf und Hände.
Um welches Brot bitten wir? Und welches Brot haben wir in unserem
Leben erhalten?
Ich hoffe, es hat Rosinenstuten-Zeiten in ihrem Leben gegeben. Süße,
weiche, überaus glückliche Zeiten. Zeiten, das Leben mit allen
Sinnen und in vollen Zügen zu genießen. Zeiten, in denen es leicht
fiel zu leben, unbelastet und zufrieden. Und ich hoffe, es gibt sie
immer noch, immer mal wieder, für Augenblicke, diese
Rosinenstuten-Zeiten.
Die meiste Zeit im Leben ist sicher Brot-Zeit: Graubrotzeit - Alltag
mit Aufgaben und Plänen, Freuden und Pflichten. Alltag, den es zu
bestehen gilt, mit allem, was er von uns fordert. Alltag, von dem
wir manchmal denken mögen: Ist das alles? Gibt es nicht noch etwas
anderes in meinem Leben? Muss es da nicht noch etwas wichtigeres,
bedeutenderes, aufsehenerregenderes geben als morgens aufzustehen,
den ganzen Tag die Pflichten zu erfüllen, die anstehen und sich
abends wieder hinzulegen?
Manchmal, da ist aber auch Schwarzbrotzeit. Hart und schwer. Es
kostet Mühe und Arbeit, von diesem Brot überhaupt essen zu können
und die Mühe geht dann noch weiter. Zähne und Magen müssen wirklich
etwas leisten, um mit dieser Art Brot fertig zu werden. Es gibt
wirklich Schwarzbrotzeiten im Leben: harte Zeiten, in denen Leben
schwer ist, beschwert durch Trauer, durch Abschied, durch Krankheit,
durch Verlust, beschwert durch so vieles mehr.
Und erst nachher, wenn man sich durchgebissen hat, wenn es gelungen
ist, das alles zu verdauen, dann merkt man, gerade diese
Schwarzbrotzeiten können besonders nahrhaft und nachhaltig sein,
Kraft geben für das weitere Leben.
Aber ich weiß auch, dass es für viele von Ihnen Zeiten in Ihrem
Leben gegeben hat, da war kaum Brot da. Zeiten des Hungers und der
Not. Zeiten, in denen die Bitte „unser tägliches Brot gib uns heute“
eben nicht nur eine Bitte unter den vielen des Vater unsers war,
sondern sehr konkret, über-lebens-notwendig.
Wir feiern Erntedank – wieder einmal. Wir erinnern uns an das Gute,
das wir von Gott erhalten haben, an die Rosinenbrotmomente. Und es
fällt uns leicht, Gott dafür zu danken. Das er uns Leben in Fülle
und Leichtigkeit schenkt.
Wir achten auch auf die Brot-Zeiten des Lebens. Die Alltage, an
denen uns vielleicht der Gedanke an Gott, der alles geschaffen hat
und erhält, aus dem Blick gerät, über all unseren Gedanken, Sorgen
und Pflichten.
Wir vergessen die Schwarzbrotzeiten nicht, die Zeiten, in denen wir
uns durchbeißen mußten, in denen Leben uns hart und schwer erscheint
und manchmal auch schmerzhaft.
Wir achten diese Brot-Zeiten des Lebens und können Gott danken, dass
er uns Nahrung für Leib und Seele gibt, die uns auch Alltage und
schwere Zeiten leben läßt. Gute, kräftige Nahrung zum Durchhalten.
Wir sehen aber auch das Fehlen von Brot. Wir wissen um Menschen, die
Hunger leiden müssen auf dieser Welt. Unser tägliches Brot gib uns
heute, gib Gott, dass wir diese Bitte nicht nur auf unser
persönliches Umfeld beziehen, sondern auch dafür sorgen, dass wir
das Brot, das du, Gott schenkst, gerecht verteilen.
Ich wünsche Ihnen für die Zeit, die kommt, nicht einfach nur
Rosinenstutenzeiten. Ich wünsche Ihnen Hunger im Sinn von Appetit,
im Sinn von Lust auf Leben, Freude am Dasein. Und ich wünsche Ihnen
und mir Nahrung für unseren Hunger – viel gutes und gesundes und
kräftiges, nahrhaftes Brot und ab und zu Rosinenbrötchenzeiten. Gott
möge es uns schenken. Amen.
Nach einer Idee von Martina Gregory (in: Andachten für die Arbeit
mit Frauen in der Gemeinde, Bd. 3)
© Ev. Kirche Bad Lippspringe
03.10.06