
..., dann wird Recht strömen wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Strom
Predigt zum Sonntag Estomihi, 26. Februar 2006
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Wenigstens Sonntags möchte man doch seine Ruhe haben, liebe
Gemeinde, oder etwa nicht?
Unter der Woche ist das Leben hart genug, überall wird das Klima
rauher, bläst der Wind uns schärfer ins Gesicht. Wir müssen immer mehr
dafür tun, den Wohlstand, den wir uns erarbeitet haben, auch zu
sichern. An vielen Stellen fühle ich mich fremd, befremdet von dem,
was da auf mich einströmt. Da möchte ich doch wenigstens am Sonntag
Gottesdienste feiern, in denen ich mich zu Hause fühle.
Und dann kommt dieser Predigttext aus dem Buch des Propheten Amos:
Hört mir auf mit euren Gottesdiensten, hört mir auf mit euren Liedern.
Ich hasse das, weg damit.
Zornige Worte eines zornigen Gottes, überliefert durch einen zornigen
Propheten.
Aber treffen sie wirklich unser Problem?
Wir sind doch nun wirklich nicht die, die in opulenten Gottesdiensten
und Opferfesten schwelgen.
Unsere Situation heute ist doch wohl eher die, das
Gemeindegliederzahlen sinken, Gottesdienste leerer werden, uns mehr
und mehr das Geld fehlt für ausladende Feiern.
Haben wir also Glück gehabt? Müssen wir nicht nachdenken über die
unbequemen Worte? Sind sie an die Gottesdienstgemeinde des Jahres 755
v.Chr. gerichtet, in Samaria und gehen und nichts an?
Dort war es anders als hier bei uns heute. Dort herrschte eine Zeit
der wirtschaftlichen Blüte unter den Königen Jerobeam II. und Usia. Es
herrschte Frieden, die Geschäfte gingen gut und die Menschen strömten
in die Gottesdienste, um Gott dafür zu danken. Es wurde geopfert, man
überbot sich wahrscheinlich in schönen und schöngeistigen Kultfeiern.
Und man sah sich als von Gott erwählt, seinem Herzen ganz nahe. Wie
sonst sollte der eigene Wohlstand, das Wohlergehen zu erklären sein.
Alles könnte so gut sein, so schön, so innig, wenn da nicht der
ehemalige Schafhirte und Maulbeerfeigenzüchter Amos aus Tekoa nahe
Bethlehem wäre.
Er heißt Amos und nennt sich Prophet, wahrscheinlich sieht er auch so
aus, wie man sich einen Propheten vom Lande vorstellt. Vielleicht, wer
weiß, riecht er auch so.
Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie! Ich mag eure
Versammlungen nicht riechen. Tu mir weg das Geplärr deiner Lieder!
Böse Worte in einem Gottesdienst, der von der Kantorei so schön
mitgestaltet wird.
Der Gottesdienst kommt ins Stocken. Wir sind doch die, die wenigstens
noch kommen, den Gottesdienst noch besuchen, und dann solche Worte.
Wir bemühen uns doch, Gott zu loben, zu ihm zu beten, haben wir alles
falsch gemacht?
Sind wir mit unseren Gottesdiensten tatsächlich gemeint? Wenn das so
wäre, könnten wir doch gleich einpacken und nach Hause gehen. Dann
bräuchten wir nicht zu predigen und zu singen und zu beten, wenn doch
nur alles ein Ärgernis für Gott ist.
Ich glaube es geht den Leuten damals so wie uns. Mit gutem Gewissen
gehen sie in den Gottesdienst Sie feierten Gott ja in sehr gutem
Glauben. Sie haben alle Opfervorschriften wirklich erfüllt, ihre
Lieder aus tiefstem Herzen gesungen mit Harfen und Posaunen. Sie
wussten sich richtig und im Recht.
Und sie sind sicher tief getroffen von den Worten Gottes, die der
Prophet sagt.
So bitter und so verletzend spricht doch nur jemand, der selbst schon
tief verletzt ist. Menschlich ausgedrückt: Gott leidet Schmerzen. Gott
ist tief verletzt, teilt Amos den Menschen im nördlichen Israel mit.
Was man kaum für möglich hält, ist eingetroffen und muss nun gesagt
werden: Gott leidet an seinen Menschen.
Gott leidet an seinen Menschen, weil er mit seinen Menschen leidet.
Amos hatte einen klaren Blick für die Situation: er sah Menschen, die
satt sind und Geld haben, in einem sicheren Land wohnen, ruhig und
beschaulich, mit ein wenig Luxus oder mit viel. Und er sah die
Selbstzufriedenheit. Gleichgültigkeit für die Nöte anderer.
Gott will, dass es uns gut geht. Er will, dass es ihnen und mir, so
wie allen Menschen auf dieser Erde gut geht.
Ich vergesse oft, auf das Ganze der Welt zu sehen. Ich übersehe oft -
und manchmal wohl auch zu meinem Schutz - dass nicht schon darum alles
in Ordnung ist, weil bei mir alles in Ordnung ist.
Es ist nicht alles in Ordnung, nicht hier bei uns und weltweit schon
erst recht nicht.
Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen, so wird
Dietrich Bonhoeffer zitiert.
Gottesdienste dürfen gern schön und stimmungsvoll sein, aber sie
dürfen eben nicht nur schön sein. Sie sollen nicht einlullen und auf
ewig bestätigen, was wir immer schon geglaubt, gewusst und gelebt
haben. Unsere Gottesdienste müssen nicht allen gefallen, sondern sie
sollen uns so bestärken und ermutigen, dass sie uns in Bewegung setzen
und Kräfte frei machen und spüren lassen, dass Gott lebendig ist und
machtvoll, und uns auch dazu bringen will, lebendig zu sein und in
seiner Kraft zu handeln.
Dann wird Recht strömen wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie
versiegender Strom.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 28.02.06