
Wer hat die Macht?
Predigt an Himmelfahrt, 25. Mai 2006
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV. Reihe: Offenbarung 1, 4-8
„Johannes an die sieben Gemeinden in der Provinz Asien:
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt,
und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind,
und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge, der Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unseren Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.
Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben,
und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.
Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige.“
Gott, segne dein Wort an uns allen. Amen.
Wie der Feiertag Christi Himmelfahrt selbst ist dieser Text eher
fremd, formelhaft mit manchen Formulierungen, die man schon einmal
gehört hat, aber an anderer Stelle. Wenig greifbar, irgendwie
gewaltig, von sieben Geistern ist die Rede, vom Thron Gottes, von
Zeugenschaft, Sünden und Blut – und auch wieder von den Wolken, die
eigentlich das Verständnis von Himmelfahrt eher erschweren als
erhellen. Am Feiertag Christi Himmelfahrt geht es nicht um den Abflug
Jesu in eine fremde Welt. Genau 40 Tage nach Ostern feiert die
Christenheit - übrigens schon mindestens seit Bischof Chrysostomus im
4.Jahrundert in Antiochien darüber gepredigt hat - die Heimkehr
Christi in den Himmel Gottes. Jesus, so sagt es Dietrich Bonhoeffer,
der aus der Welt herausgedrängt wird an das Kreuz, er findet am Ende
doch den Weg zu Gott, zum Vater, in seine alles umgreifende Welt.
Was da in den altertümlich klingenden Worten des Johannes so grandios
oder auch ein bisschen schwülstig erklärt wird – übrigens auch schon
für die ersten Leser, denn diese Sprache war auch in der damaligen
Zeit schon altertümlich – das ist doch eigentlich ganz nüchtern und
einfach zu verstehen:
Jesus ist bei Gott, Gott ist Anfang und Ende, Gott ist überall da, er
war immer da, er ist immer da - und er wird wiederkommen, für alle
sichtbar. Gott ist stark und mächtig – und Jesus hat nun 100 % Anteil
an dieser bewahrenden, beschützenden Macht.
Spannend wird diese allgemeine Wahrheit aber erst, wenn sie in eine
besondere Situation hinein gesagt wird. Damals zur Zeit des Seher
Johannes war die Christenheit schwach und klein und verstreut. Viel
Hoffnungslosigkeit hatte sich breit gemacht. Viel Vertrauen war
verloren gegangen. Jesus drohte in Vergessenheit zu geraten und von
der Allmacht Gottes zu reden, traute sich niemand – außer eben diesem
etwas altertümlichen Sehers Johannes auf der abgelegenen Insel Patmos.
Aber seine Worte haben etwas bewegt. Haben Christen Kraft verliehen,
gegen den Größenwahn, den Allmachtsphantasien und der Blasphemie
römischer Diktatoren-Kaisern aufzustehen und ihnen ein mutiges „NEIN“
entgegenzusetzen: „NEIN, ihnen beugen wir uns nicht. Wir vertrauen
trotz allem Gottes Allmacht! Es wird alles ein gutes Ende nehmen!“
Ich wünschte mir solche Worte eines weisen Sehers auch heute. Worte,
die Mut machen und etwas von Gottes Macht über alle falschen Mächte
widerspiegeln.
Wir Christen werden heute nicht verfolgt und an Leib und Leben
bedroht. Wenn wir aber aufmerksam die Nachrichten verfolgen, dann
stellen wir fest, dass in den Kirchen schon jetzt massiv Stellen
abgebaut werden und Kirchen verkauft oder abgerissen werden. Und was
das Schlimmste ist: Eine allgemeine Lähmung hat eingesetzt, es gibt
kaum einen Aufschrei der Entrüstung, Christen nehmen es resigniert
hin, wenn ihnen erst der Kirchenmusiker, der Küster, dann der Pfarrer
weggenommen wird. „Da kann man ja doch nichts machen.“ Der Grund für
die Lähmung, den Tod lebendiger Gemeinden ist heute nicht irgendein
römischer Kaiser, der sich für Gott hält, es ist das GELD, das heute
nicht weniger an die Stelle Gottes gesetzt wird.
Es gibt dagegen aber so klare Worte, etwas dieses weisen Sehers
Johannes. Ich wünschte, sie würden viel, viel mehr gehört – und ihnen
würde viel, viel mehr Glauben geschenkt als den düsteren Progrnosen
freud- und glaubensloser Technokraten. Klare Worte sind:
Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und er da
war und der da kommt, der Allmächtige.“
Jesus ist bei Gott, Gott ist Anfang und Ende, Gott ist überall da, er
war immer da, er ist immer da - und er wird wiederkommen, für alle
sichtbar. Gott ist stark und mächtig – und Jesus hat nun 100 % Anteil
an dieser bewahrenden, beschützenden Macht
Jesus ist in einer Wolke von der Erde verschwunden. Der Menschensohn
hat seine Aufgabe erfüllt. Er sitzt zur Rechten Gottes, seines Vaters,
und hält im Himmel alle Macht und Gewalt in seinen Händen.
Himmelfahrt ist der Tag, der uns Christen zeigt, wer denn eigentlich
die Macht im Himmel und auf Erden hat. Dieser Tag mahnt zum mutigen
Handeln. Es ist ein Tag gegen Selbstmitleid und gegen das Starren auf
die Probleme, die eigentlich nur groß geredet werden. Der schwarze
Bürgerrechtler Martin Luther King sagte einmal völlig zu Recht: „Kein
Problem wird gelöst, wenn wir meinen, dass Gott sich allein darum
kümmert!“ Zunächst gilt es sich selbst zu öffnen. Nicht verschlossen
die Hände vor der Brust zu verschränken und feige zu warten, dass sich
alles von allein ändert. Jesus ist nicht verschwunden auf
Nimmerwieder-Sehen. Er hat bei Gott sein zu Hause gefunden. Und wo
wohnt Gott? Seit Himmelfahrt gilt die Antwort: „Überall, wo man ihn
einlässt.“
Deshalb, liebe Schwestern und Brüder, ist Christi Himmelfahrt ein so
wichtiger Festtag. Überall ist nun Christus. Der Himmel, der Ort an
dem Gott wohnt, er kann so nahe sein. Wir brauchen nur die Augen
öffnen. Denn der Himmel geht über allen auf. Kann jeden und jede mit
Lebenskraft und neuer Hoffnung erfüllen. Und mit einem Mal kann die
Feigheit verschwinden und Phantasie und Gottvertrauen an die Stelle
von Mutlosigkeit und Starren auf Geld und weltliche Macht treten.
Jesus ist König - und alle Sorgen, Ängste und Selbstzweifel haben
keine Macht mehr. Solche Erfahrungen von einem „Himmel auf Erden“
wünsche ich uns allen, liebe Schwestern und Brüder - und nicht nur am
Festtag „Christi Himmelfahrt.“
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.05.06