
Im Zwielicht
Predigt zum Sonntag Invokavit, 5. März 2006
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Friede sei mit euch die Gnade Gottes in
Jesus Christus.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
„Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt. Denn er spricht: ‚Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.’
Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils! Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde, sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.“
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen. Amen.
Biographien, liebe Schwestern und Brüder, Bücher über das Leben
berühmter Menschen sind zu allen Zeiten hochinteressant. Wir wollen
eben wissen, was waren das für Menschen, die Bedeutendes geleistet,
gesagt haben. „Es reicht eben nicht, dass jemand das Richtige sagt, es
ist auch wichtig, dass der, der das Richtige sagt, ein Mensch ist.“
(Erich Fried).
Paulus war ein solcher Mensch. In dem Schriftstück, das wir heute den
2.Korinther-Brief nennen, hinterlässt er ein Dokument von
schonungsloser emotionaler Offenheit. Hier spricht der Apostel in ganz
ungewohnter Offenheit von seinen Gefühlen – von sich selbst. Er
verteidigt sich gegen Vorwürfe. Er will seine Gemeinde mit ganzer
Leidenschaft anrühren, IHM zu glauben, dass er ein glaubwürdiger Zeuge
für die Frohe Botschaft Jesus Christus ist.
Seine Offenheit überzeugt: Die Gemeinde vertraut ihm wieder.
Nun ist aber ganz außergewöhnlich, wie sich Paulus selbst sieht, was
wir über das Leben dieses berühmten Mannes erfahren. Er war ein Mensch
im Zwielicht. Von einigen gehasst von anderen geliebt, als Verführer
bekämpft, als wahrhaftig bezeugt. Übles Gerede gab es über ihn aber
auch gute Nachrede. Nichts wisse man von ihm, sagten die einen, er sei
doch durch und durch bekannt, sagten die anderen. Ein Mensch im
Zwielicht, einer, der das Licht des Erfolges genauso kannte wie das
Dunkel von Gefängnissen und der Vergessenheit. Einer, der ohne
Versuchung ist, sich im Ruhm zu sonnen und der doch ganz bescheiden
und demütig sich zurücknehmen kann.
Es war nicht die Lehre, die allein von Paulus die Menschen beeindruckt
hat. Da war nicht alles neu. Da gibt es auch manches Fragwürdiges. Es
war die Person des Paulus, die Identität zwischen Lehre und Leben,
seine Leidenschaft, seine „Zwielichtigkeit“ – er ließ sich nicht
einordnen in irgendeine Schublade, abhaken. Er war ein Mensch, mit
allem, was dazu gehört.
Er war kein Anhänger eines anderen, er war durchglüht von Jesus
selbst. Sein ganzes Leben war Zeugnis für Jesus. Das machte ihn
unberechenbar, aber auch unangreifbar. Bei ihm spielte es letztlich
keine Rolle, wie ihn die Menschen sahen und behandelten. Er hatte
einen anderen Maßstab. Deshalb war er „begnadet“: weil ihn Jesus
selbst und höchstpersönlich begnadet hatte.
Kein bloßer Anhänger, ein von Jesus „Durchglühter“. Auch Jesus hat es
sich nicht leicht gemacht in seinem Leben. Er ist ebenso durch alle
Höhen und Tiefen gegangen, auch er war eine Person im Zwielicht: Von
den einen als Freiheitsheld hochgejubelt, von den anderen verurteilt.
Er passte in keine Schublade. Er war Mensch. Menschen haben Grenzen.
Können nicht einfach so aus Steinen Brot machen oder von hohen
Gebäuden springen ohne sich zu verletzten. Jesus hätte dies gekonnt.
Vielleicht. Er wollte es nicht beweisen. Ihm war der Ruhm bei den
Menschen nicht das Wichtigste. Gottes Liebe in seinem Leben Raum zu
geben – dafür war er Mensch geworden.
Und wir Christen heute? Was ist für uns das Wichtigste? Wir streiten
oft genug um die richtige Lehre. Was wollte Jesus den Menschen sagen,
was ist der Kern seiner Botschaft? Was wird kommen in der Zukunft?
Sind wir genug vorbereitet? Alles wichtige Fragen. Durchaus. Auch eine
Auseinandersetzung wert. Aber eben doch nicht alles. Wichtig, aber
nicht das Wichtigste. „Es reicht eben nicht, dass jemand das Richtige
sagt, es ist auch wichtig, dass der, der das richtige sagt, ein Mensch
ist.“
Als Menschen leben wir im Zwielicht. Davon bin ich fest überzeugt.
Keiner lebt nur im Licht, keiner lebt nur im Schatten. Beides gibt es
in uns. Erst wenn wir uns dessen bewusst werden und dessen nicht mehr
schämen, können wir wirklich zu Menschen reifen. Paulus bezeichnet das
als den wirklichen Zustand der Christen: „als die Sterbenden – und
siehe, wir leben“ – „als die nichts haben – und die alles haben.“
Soviel Totes, soviel Abgründe, soviel Tiefschwarzes gibt es in mir
selbst – aber auch soviel Lichtes, Helles, Starkes hat Gott daraus
gemacht, dass es eine Freude ist zu leben. So ist das menschliche
Leben: Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.
Martin Luther sagte: „Wir sind Sünder und Gerechte zugleich.“ Wenn wir
die bildhafte Redeweise des Evangeliums übernehmen wollen: Der Teufel
ist eben nicht der, der das Dunkle, das Schlechte ans Tageslicht
bringen will, er will vielmehr das Mensch-Sein bekämpfen. Und das auf
ganz perfide Art: er will alles in Schubladen einteilen, damit das
Leben leichter zu beherrschen ist und die Menschen nicht mehr zu sich
finden können. Da die Guten: die Wunder tun können, aus Steinen Brot
machen und unverletzbar sind. Da die anderen: die nichts können und
über die geherrscht werden darf.
Jesus hat der Versuchung des Teufels widerstanden. Paulus auch. Sie
sind Mensch geblieben. Mensch im Zwielicht. Sie haben sich angenommen,
so wie sie sind. Als Menschen, die dem Tod verfallen sind, weil sie
begrenzt sind in ihren Möglichkeiten und dennoch als Kinder Gottes,
die den Kern göttlichen Lebens schon in sich tragen und etwas
Wichtigeres kennen als Anerkennung bei den Mächtigen dieser Welt.
Biographien bedeutender Menschen interessieren uns. Vielleicht, weil
wir erkennen, auch die Bedeutendsten hatten ihre schwachen und auch
schlechten Seiten. Nicht, weil wir uns deshalb über sie erheben
wollten. Nein, weil es uns helfen kann, dass wir uns in unserer
Zwielichtigkeit begreifen. Als solche, die Gutes versuchen, aber oft
scheitern. Als solche, die lieber auf die die Schwächen anderer
zeigen, aber eigentlich viel schwächer sind als wir uns zugeben. Als
solche, die eigene Grenzen nicht anerkennen wollen, aber gerade
deshalb daran scheitern, ihr eigenes Leben zu finden.
In einem Gebet zu diesem Sonntag fand ich diese Zeile:
Vergib uns unseren Hochmut, mit dem wir uns selbst immer in die
bessere Schublade einordnen. Gott ordnet nicht in Schulbladen. Das tut
sein Widersacher. Gott schenkt die Freiheit zum Leben. Das gibt uns
Kraft und verbindet uns mit ihm –ob wir hier in der Kirche sitzen, im
Gebet verbunden sind. Über jede Grenze hinweg und über den Tod hinaus.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
Psalm:
Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Seuche, die Mittag Verderben bringt.
Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wege.
Dass sie dich auf den Händen tragen
und du dienen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
Fürbittengebet:
Gott, der du uns väterlich und mütterlich begegnest, du lädst uns
ein zur Umkehr in eine neue Form des Lebens. Hilf uns, den Sprung zu
wagen aus dem, was uns anhängt, in deine offenen Arme.
Du bist auch Gott, in den Dunkelkammern meines Lebens. Wenn ich mich
dir anvertrauen, führst du mich wieder ans Licht. Wir singen:
Meine engen Grenzen … (LIED 600 EG, strophenweise)
Wie von unwiderstehlichen Mächten gerieben, lassen wir Menschen uns
wieder und wieder hinreißen, dir die Herrschaft über alle Bereiche
meines Lebens streitig zu machen. So öffnen wir anderen Mächten die
Tür. Die negativen Kräfte gewinnen Raum, wirken zerstörerisch, machen
mutlos und schwach. Wir singen:
Meine ganze Ohnmacht …
Vor dich bringen wir die Umkehr der Kirchen. Hilf uns dem Wort der
Vergebung zu leben und ein Zeichen der Versöhnung zu setzen in den
Konflikten unseres Landes und der Völker. Führe die Kirchen aus der
Schuld ihrer Trennung zur Gemeinschaft am Tisch Jesu. gib lallen, die
Glauben wollen, dein Licht. Das Licht der Erkenntnis, das Licht der
Ermutigung, das Licht der Hoffnung. Gott, erwecke deine Kirche und
fange bei mir an. Wir singen:
„Mein verlorenes Zutraun, …
Manchmal erschrecke ich, Gott, vor mir. Aber ich danke dir, dass du
mich in meiner Dunkelheit nicht allein lässt. Du wirst mich verwandeln
und mehr und mehr zu dem Menschen machen, der ich nach deinem Herzen
sein soll. Das ist meine Hoffnung.
Wir singen:
Meine tiefe Sehnsucht …
Gebet:
Gott, rede jetzt mit uns so, dass dein Wort uns Antwort gibt auf
unsere Fragen; dass es hinein trifft in unsere Ängste und Hoffnungen
und dass es unseren Glauben stärkt.
Wir danken dir für die Gemeinschaft, die dieser Gottesdienst uns
schenkt. Gleichzeitig bitten wir dich für die, die nicht kommen
konnten, weil sie alt oder krank oder verhindert sind – segne auch
sie. Durch Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir im Heiligen Geist
lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.03.06