
Wir hätten uns viel zu erzählen!
- Kirche fragt nach -
Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 5. Februar 2006, in Bad Lippspringe
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Letzter Sonntag nach Epiphanias – 5.2.2006 – BL
„Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ Jesaja 60,2
In diesen Tagen beginnen wir in unserer Kirchengemeinde mit dem Projekt „Kirche fragt nach.“ Westfalenweit machen sich Menschen aus den Gemeinde auf den Weg, nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Gemeindeglieder mithilfe eines Fragebogens nach ihren eigenen Erfahrungen mit Kirche und Glauben zu befragen. in unserer Gemeinde sind es fast 20 Personen, die im Namen der Kirche nachfragen. Worum es dabei geht, soll in der Predigt näher erläutert werden und wir wollen Gott um seinen Segen bitten für dieses Projekt. Aber nicht nur heute, auch am kommenden Sonntag soll es weiterhin um „Kirche fragt nach“ gehen: und zwar beim offenen Gemeindezentrum im Anschluss an den Gottesdienst nächsten Sonntag. Dann können Sie selbst versuchen, einen solchen Fragebogen auszufüllen – und wir können ins Gespräch kommen über den Sinn oder Unsinn einer solchen Aktion.
Heute geht es aber erst einmal um den Beginn, um das Vorstellen des Anliegens – und, was eigentlich an die erste Stelle gehört: dass wir es aus der Mitte des Gottesdienstes heraus unterstützen und Gott um das Gelingen bitten.
So segne der dreieinige Gott unseren Gottesdienst, segne alle Glieder und Gäste unserer Gemeinde nach dem Reichtum seiner Gnade.
Amen.
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
das „Schiff, das sich Gemeinde nennt“ - darum soll es uns heute gehen. Aber es geht nicht nur um das Schiff, das auf dem Meer der Zeit unterwegs ist, es geht heute vor allem um den Kurs, den dieses Schiff nehmen soll. Häufig ist dieser Kurs unklar, weil die Menschen an Bord viel zu wenig von einander wissen, viel zu wenig erfahren, was denn die Kapitäne und 1.Offiziere sich so gedacht haben.
Unsere westfälische Landeskirche hat einen Reformprozess ausgerufen: „Kirche mit Zukunft“. Die beiden entscheidenden Sätze sind dabei:
„Wir machen uns auf den Weg zu den Menschen.
Wir sind offen und einladend.“
Dahin soll der Kurs gehen: Auf den Weg machen zu den Menschen – und nicht im sicheren Hafen festliegen, damit alles bleibt wie es ist. Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, soll nicht abgetakelt als Wrack enden, sondern flott gemacht werden zur neuen Ausfahrt.
Ehrlich gesagt, das ist gar nichts Neues. Schon Martin Luther hat gesagt: „Ecclesia semper reformanda est“ – die Kirche muss immer neu reformiert werden. Da ist nichts, was uns Angst machen müsste. Richtschnur für jede Reformation ist die Bibel. Solange es darum geht, dass nur Jesus Christus den Kurs angibt, kann es eigentlich nur besser werden.
Was jedoch Angst macht und Befürchtungen weckt, ist wohl, wenn man nicht genau weiß, worum es denn bei der Fahrt auf dem Weg zu den Menschen gehen soll. Hier geht es gar nicht anders, als dass wir viel mehr miteinander reden und von einander wissen müssen.
Was erwarten Sie von der Kirche, die Sie Sonntag für Sonntag hier her kommen? Was ist Ihnen wichtig? Was sind Ihre Befürchtungen?
Und nehmen wir Euch, die Konfirmandinnen und Konfirmanden? Kommt Ihr nur wegen der Konfi-Card? Ich möchte mehr über Eure Interessen wissen, Eure Gedanken und Gefühle!
Und was ist mit denen, die heute nicht da sind, den vielen Hunderten Gemeindeglieder, von denen wir eigentlich ganz wenig wissen. Ich persönlich meine, wir tun ihnen Unrecht, wenn wir sie über einen Kamm scheren oder gar verächtlich auf sie herabschauen. Natürlich gibt es auch unangenehme Personen darunter, aber es gibt viele Suchende, Fragende, Interessierte und ganz interessante Menschen. Menschen, die darauf warten, angesprochen zu werden, erklärt zu bekommen, worum es in der Kirche, im Glauben, im Gottesdienst geht, Menschen, die auf der Suche sind und denen wir eine Antwort schuldig sind.
Können wir Ihnen immer eine Antwort geben? Wissen wir den richtigen Kurs? Kennen wir uns aus in der Kirche und bei dem Glauben? Nur wenn wir von einander wissen und miteinander reden, dann werden wir auch dazulernen, dann werden wir uns wohl fühlen und dann wird uns ein Licht aufgehen.
Ich spreche noch einmal Euch an, die Konfirmandinnen und Konfirmanden: Fühlt Ihr euch immer angesprochen, ernst genommen, kommt Ihr vor in der Gemeinde? Versteht Ihr immer so ganz genau, was die Erwachsenen von Euch wollen in der Kirche, warum die zum Gottesdienst gehen und an Gott glauben?
Wenn wir gefragt werden von den Jugendlichen: Was glaubst du? Warum glaubst du? Dann sind die Antworten nicht immer leicht zu finden. Aber wir sind Sie Euch schuldig! Nur so werden wir das Schiff, das sich Gemeinde nennt wieder flott machen, wenn wir offen sind für die Fragen, wenn wir hingehen zu den Menschen, wenn wir ihre Sprache sprechen und zuhören lernen.
Das hört sich vielleicht etwas übertrieben an, aber es ist heute genau das verlangt, was Jesus getan hat: Zu den Menschen gehen und sich ihren ureigenen Problemen stellen und konkret helfen. Nicht warten, dass die Menschen von allein kommen, sondern selbst den ersten Schritt machen.
„Pfarrer,“ so steht es in einer Verlautbarung, „sind heute mehr Manager. Sie sollten aber Pastoren sein, nämlich Hirten, die hingehen zu Menschen, ihnen nachgehen und sie ansprechen.“
Als ich in die Gemeinde nach Bad Lippspringe kam, wurde mir oft erzählt, wie vorbildlich es bei Pfarrer Ködding war, der mehr oder weniger alle Gemeindeglieder regelmäßig besucht hat. Dass dies nicht immer gestimmt hat, weiß ich längst. Aber vom Grundgedanken müssen wir dort wieder hin: die Menschen, und zwar alle Gemeindeglieder müssen sich aufgesucht, ernst genommen, angesprochen fühlen. Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, das will auch ernsthaft keiner. Einer allein kann das nicht und soll das auch gar nicht. Heute geht es auf neue Fahrt. Und da gibt es nicht den einen starken Kapitän, der auf der Kommandobrücke steht. Da gibt es die Ehrenamtlichen, die gemeinsam losgehen und die Kirche neu auf Kurs bringen. Und diese Ehrenamtlichen sind der wahre Schatz der Kirche. Die Menschen, die sich auf den Weg machen. Manchmal ist das gar nicht leicht. Da setzt man sich unangenehmen Dingen aus. „Doch wer Gefahr und Leiden scheut, erlebt von Gott nicht viel.“ So haben wir es gesungen. Und so wollen wir es halten.
Unsere Ehrenamtlichen sind der Schatz der Kirche. Jede und jeder am eigenen Platz. Pflegen wollen wir sie und nicht überfordern. Und dann alles Gott anvertrauen. Es ist sein Sohn, Jesus, der den Kurs angibt. Ihm können wir getrost zutrauen, dass er die richtige Richtung weißt. Was damit gemeint ist? Darüber sollten wir viel mehr reden – mit Euch, den jungen, mit Ihnen den erfahrenen Menschen. So von Mensch zu Mensch. Nach dem Gottesdienst. Nächste Woche beim Offenen Gemeindezentrum. An der Haustür, noch besser an einem Tisch. Gemeinsam. Und wissen Sie was – wisst Ihr was? Wir hätten uns viel zu erzählen!
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.02.06