
Den Frieden weiter tragen
Predigt am Letzten Sonntag nach Epiphanias, 5. Februar 2006, in Neuenbeken
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
„Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinde: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea.
Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße wie Golderz, das im Ofen glüht, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach zu mir: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“
Soweit unser Predigttext. Eine großartige und überwältigende Schau,
die da Johannes allen christlichen Gemeinden mitteilt: Er sieht Jesus
Christus, den Sohn Gottes, in Pracht und Herrlichkeit als den Sieger
über Tod und Hölle. Welch ein machtvoller Trost in einer Zeit, da die
christliche Gemeinde verfolgt wurde und um ihren Bestand bangen
musste!
Aber wie wirkt dieses Bild auf uns? Fern der Wirklichkeit?
Beängstigend? Was fangen wir damit heute an? Wie nahe ist uns
überhaupt das Buch der Offenbarung, das voller schwer begreifbarer
Bilder vom Weltende, Weltgericht, Wiederkommen Christi steckt?
Mir ist bei der Beschäftigung mit diesem Text der Seher Johannes viel
näher gekommen. Er will ja gar nicht der große, entrückte Prophet sein
wie etwa ein Jesaja oder Hesekiel. Er sagt: Ich bin euer Bruder und
Mitgenosse – sowohl in der Bedrängnis als auch in der Geduld, im
Festhalten am Glauben an Jesus. Und es ist geradezu der Schlüssel zum
Verständnis unseres Predigttextes, dass Johannes seine Schau am Tag
des Herrn, also am Sonntag und damit im Gottesdienst erlebt. Ein
Ausleger schreibt klipp und klar: Was in der Schau des Johannes
anschaulich wird, geschieht – unsichtbar – unter uns nicht weniger.
Die Epiphanie, die Erscheinung des erhöhten Herrn ereignet sich in
jedem Gottesdienst. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind,
da bin ich mitten unter ihnen.
Versammelt im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes, das sind auch wir hier in jedem Gottesdienst. In Lied und
Gebet antworten wir ihm, der zu uns spricht durch sein Wort und der
uns fühlbar, schmeckbar nahe kommt in der Gemeinschaft des Abendmahls.
So ist das, wovon Johannes schreibt, nicht irgendetwas aus fernen
Tagen. Er spricht von einer Erfahrung, die auch wir machen können und
machen. Worin besteht sie?
Zunächst: Da wo Christus erscheint, werden Menschen zueinander
geführt. Menschen in Not, in der Verfolgung. Menschen in der Freude
über das Evangelium, Menschen in Dankbarkeit. „Was du siehst, das
schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden.“ Sieben,
das ist die Zahl für die Ganzheit, also: Sende es allen Gemeinden.
Alle Christen in der ganzen Welt sind miteinander verbunden.
Aber die Erfahrung, Gott zu begegnen heißt auch: Die Macht Gottes zu
spüren, der das Hohe, das Hochmütige, Gewalttätige, Starke
niederreißt, um das Schwache, Arme, Verlorene aufzurichten und zu
stärken. Gott ist nicht der harmlose, der „liebe“ Gott, der nur für
alle gleich ein gutes Wort hat.
Johannes fällt wie tot vor die Füße des Herrn. Die Begegnung mit der
Gottesmacht wirft ihn einerseits danieder. Andererseits spürt er im
selben Moment etwas ganz anderes: den Trost, das „Fürchte dich nicht“,
mit dem Christus ihn wieder aufrichtet. Wir können dies ruhig wörtlich
nehmen: Hier spricht der auferstandene Christus, der den Tod überwand.
Das, liebe Schwestern und Brüder, ist die Ostererfahrung, die Freude
darüber, dass Christus auch unseren Tod überwunden hat – es ist die
entscheidende Erfahrung, die prägend ist für den Gottesdienst.
Wir kommen zusammen im Namen des Herrn, weil Christus für uns
auferstanden ist, weil er es ermöglicht hat, dass wir unser Leben
freudig, getröstet und zuversichtlich führen können. Das nimmt uns die
Furcht, das schenkt uns Hoffnung angesichts großer Angst und
Verlorenheit.
Diese Erfahrung des lebendigen Gottes stärkt uns für Situationen, in
denen wir gefordert sind, das Richtige zu tun: zu dem Menschen zu
finden, der unsere Hilfe braucht, der Antworten braucht auf seine
Fragen und Sehnsüchte. Wir gehen in jedem Gottesdienst auseinander mit
dem Wunsch: „Gehet hin in Frieden.“ Gott hat Frieden geschlossen mit
uns. Damit ist unser Leben verändert, verwandelt. Er hat uns zu
friedensfähigen Menschen gemacht, die auch aufgerufen sind, hinzugehen
und diesen Frieden weiter zu tragen, in unsere Familien, die Schulen,
die Nachbarschaft, in den Alltag. Christus hält die Schlüssel des
Todes und der Hölle in seiner Hand, das heißt: er ist ein für allemal
der Stärkere. Vertrauen wir seiner friedensstiftenden Kraft, wie sie
in der Begegnung mit ihm offenbar wird. Auch wenn sein Friedensreich
hier auf der Erde noch nicht vollendet ist, so ist – als Vorwegnahmen
– die Erfahrung des Friedens Gottes schon möglich. Nämlich da, wo sich
Menschen in seinem Namen versammeln, sich ihm öffnen und bereit sind,
in seinen Dienst zu treten.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.02.06