
Predigt für die Ältesten
Predigt am Sonntag Miserikordias Domini, 30. April 2006
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
IV. Reihe: 1. Petrus 5, 1-4
Vor der Leitung stand irnmer das Gefühl der Zugehörigkeit und der daraus folgenden Verantwortung. Als Menschen, die sich als Teil ihrer Gemeinde fühlen, sich für ihre Gemeinde verantwortlich fühlen, die sich interessieren und engagieren, möchte ich Sie, liebe Mitälteste, heute morgen ansprechen Mitälteste hier in Lippspringe oder in Schlangen, in Essen oder in Paderborn: wo auch immer Ihre Gemeinde liegt.
Als Mitälteste spricht Sie heute morgen auch der Predigttext an, ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief im 4. Kapitel:
Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.
Liebe Mitälteste, ist es Ihnen aufgefallen? Da werden auf einmal
aus Schafen Hirten. Da werden wir, die wir eben gerade den 23. Psalm
gesprochen haben, die wir uns gehütet und geführt wissen, selber zu
Hirten, zu Hirten, die die Herde Gottes weiden sollen. Eigentlich
vertrauter ist uns die andere Perspektive. Auch wenn wir keine dummen
Schafe sein wollen, so brauchen wir doch all das, was ein Hirte zu
geben bereit ist: Fürsorge, Wärme Schutz. Wir brauchen es, dass uns
jemand nachgeht, wenn wir uns verlaufen haben, der sich freut, wenn
wir auf dem richtigen Weg sind. Mal empfinden mir das stärker, mal
weniger stark aber wir merken doch: Wir brauchen einen guten Hirten.
Und jetzt der Wechsel, liebe Älteste. Jetzt sollen wir Hirten sein,
nicht Schafe. Jeder und jede von uns soll sich daran beteiligen, die
Herde Gottes, die Gemeinde zu weiden. Stellen wir uns einen Moment
lang vor, wir wären wirklich ein Hirte, ein Schäfer, jemand, dem
Geschöpfe Gottes anvertraut sind. Unsere Sinne erwachen. Unsere Blicke
sind geschärft. Wir würden die kennen, die uns anvertraut sind. Wir
würden vieles daransetzten, alle heil über die Zeit zu bringen. Wir
könnten entdecken, woran es dem anderen fehlt. Wir könnten sehen, wenn
jemand Mangel leidet. Wir würden spüren: hier dürstet eine Seele. Ich
finde das ein schönes Bild für das Leben einer christlichen Gemeinde:
alle sind sich gegenseitig Hirten und Hirtinnen. Alle würden
aufmerksam und liebevoll aufeinander achten, sich beistehen, sich vor
Gefahren bewahren, vielleicht auch einmal abwarten, wie ein Weg sich
entwickelt, um dann dem anderen hinterherzugehen.
Wenn wir das tun in unserer Gemeinde: hirtenmäßig leben, so, wie es
der Verfasser oder die Verfasserin des Petrusbriefs beschreibt: nicht
gezwungen, sondern freiwillig, nicht gewinnsüchtig, sondern aus
Herzensgrund, nicht in Herrschaft, sondern als Vorbilder.
Nicht gezwungen, sondern freiwillig. Das will Gott. Es ist nicht
gemeint: Du musst das freiwillig tun. was für ein Blödsinn ist so ein
Satz ja auch. Aber es ist gemeint: Du darfst auch Dinge einmal
lassenauch in der Gemeinde. Du darfst auch einmal Nein sagen mit gutem
Gewissen. Freiwillig: darin steckt Begeisterung, Lust und Freude. Und
die kann keiner von uns erzwingen. Auch Hirten und Hirtinnen brauchen
mal eine Pause. Manchmal dann doch einfach nur Schaf sein,
Verantwortung abgeben an andere, die ja auch noch da sind, mit ihrer
Freude, ihrer Begeisterung, das entlastet.
Nicht gewinnsüchtig, sondern aus Herzensgrund: Welchen Gewinn haben
wir, wenn wir in unserer Gemeinde leben und mitwirken? Sicher keinen
materiellen, ganz im Gegenteil. Aber meist bekommen wir doch auch
Anerkennung, Aufmerksamkeit und Beachtung. Ohne die kann keiner von
uns leben. Aber vielleicht ist es ganz heilsam, gelegentlich die
eigene Motivation zu prüfen: Mache ich das, was ich tue, nur noch
deswegen? "Aus Herzensgrund" Hirtin oder Hirte sein: das geht tiefer,
das betrifft unsere Beziehung zu Gott, unseren Glauben. Wenn ich merke
und anerkenne, dass auch der andere aus Herzensgrund heraus handelt,
dann könnte das Konflikte in der Gemeinde bewältigen helfen. Wenn ich
aus Herzengrund Hirtin bin, dann weiß ich: Ich bin das im Auftrag
eines anderen, ich tue das aus dem Glauben heraus, dass Gott will,
dass sein Reich kommt und hier anfangen soll.
Hirte sein nicht in Herrschaft, sondern als Vorbild: Wir sollen in der
Gemeinde nicht dem andern sagen, wo es lang geht. Vorbilder lassen
anderen die Freiheit, das zu übernehmen, was gut und einleuchtend
erscheint, sie leben vor und bilden ein bißchen ab von Gottes neuer
Welt. Ich kann mir verschiedene Vorbilder vorstellen: Vorbilder an
Geduld, an Heiterkeit, an Glaubensstärke, an Einsatzbereitschaft, an
Toleranz. Und ganz wichtig: ich sehe viele solcher Vorbilder für mich
und vielleicht auch für Sie hier in der Gemeinde sitzen. Danken wir
Gott dafür!
Liebe Mitälteste:
auch jeder Hirte braucht Fürsorge. Wer Sorge tragen will für andere,
muss sich selbst umsorgt wissen.
Wer andere tragen will, muss sich selbst getragen wissen.
Unser Glaube macht uns Mut, Verantwortung zu übernehmen. Er macht uns
Mut, nach unserem Grund zu fragen, der uns trägt.
Unser Glaube macht uns Mut, Hirte zu sein und uns dabei doch gehütet
zu wissen von dem, der versprochen hat:
Ich bin der gute Hirte.
Immer, aus Herzensgrund.
Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 11.07.06