
... der uns freimacht!
Predigt vom Pfingstsonntag, 4. Juni 2006
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
IV. Reihe: 1.Korinther 2,12-16
Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn „wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen“ (Jesaja 40,13) ? Wir aber haben Christi Sinn.
Gott segne du dein Wort an uns allen. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
gemeinsam in EINEM Geist. Das ist das Thema heute. Aber was ist das
für ein Geist? Als die Jünger in Jerusalem in einem verschlossenen
Raum saßen, da kam der Geist Gottes wie ein Brausen, wie Feuerflammen
über sie – und sie begannen, in allen Sprachen der Welt zu reden und
die Menschen waren begeistert.
Wie war das damals, als wir diese Geschichte hörten? Damals, als Kind?
Da haben wir das vielleicht geglaubt, weil wir noch viel geglaubt
haben von solchen Geschichten … Auch, dass Jesus die kranken Menschen
gesund macht, dass er Wunder tun kann und sogar die Toten zum Leben
erweckt. Später aber dann stellten wir fest, so einfach ist das gar
nicht. Es werden gar nicht alle Menschen gesund, auch die nicht, die
feste an Gott glauben. Und wir möchten etwas spüren von diesem Geist
Gottes, der begeistert – aber da ist ja gar nichts. Geister gibt’s ja
gar nicht, oder …?
Und dann begegnen uns andere, die von sich behaupten, sie hätten aber
den Geist Gottes – und wer nicht ist wie sie, der ist eben nur
weltlich und nicht gläubig.
So recht sind wir nicht überzeugt, wir möchten glauben, aber woran
denn? Was sind die Inhalte? Was erscheint uns glaubwürdig?
Schwarz – Weiß – Seherei bestimmt nicht. Da, die nur an Weltliches
glauben, da, die nur an Gott glauben. Das hat so wenig mit unserem
Leben zu tun. Und deshalb ist der Predigttext beim ersten Hören auch
so schwierig. Der natürliche Mensch, der fleischliche, der weltliche
Mensch auf der einen Seite – und der geistliche auf der anderen.
Glauben wie ein Kind – das möchten wir manchmal. Aber andererseits:
wir sind auch Erwachsene und wissen, man kann nicht alles für bare
Münze nehmen, was einem so erzählt wird.
Jetzt möchten Sie wissen, liebe Schwestern und Brüder, wie ich aus
diesem Dilemma heraus komme, nicht war? Nun, ganz einfach: Paulus
spricht ja gar nicht von unterschiedlichen Menschengruppe, was er
meint, spielt sich in jedem Menschen ab. So wie wir als Erwachsene
gern auch einmal Kind sind – und es sein dürfen! – so kommt
Natürliches, Weltliches und Göttliches in uns selbst BEIDES vor. Das
Glauben und das Zweifeln, das Vertrauen und das Misstrauen. Das ist
etwas, was wir alle gemeinsam haben, was wir sozusagen alle
mitbringen.
Wir sind Menschen, und das ist gut so. Hüten wir uns vor jedem, der
über andere urteilen will. Niemand kann sicher sein, selbst nur von
einem guten Geist beseelt zu sein und deshalb die bösen Geister
notfalls mit Gewalt vertreiben zu dürfen. Religiöser Fanatismus hat
absolut nichts mit Gottes Heiligem Geist zu tun.
Gottes Geist baut auf, führt zusammen, versöhnt, befreit, öffnet
Türen, lässt aufatmen, bringt Energie.
Gottes Geist lässt andere leben, sieht auf das Gemeinsame, ist der
Geist der Achtsamkeit und der Liebe gerade dem Kleinen gegenüber. „Wir
aber haben Christi Sinn“. So sagt es Paulus. Es ist als Ermutigung
gemeint. Als Ermutigung für uns Zweifler, die wir oft so arg erwachsen
tun, aber doch noch irgendwie den alten Geschichten Glauben schenken
wollen. Lasst die alten Geschichten, sagt Paulus. Glaubt der neuen
Geschichte. Der Geschichte von Jesus, der die bösen Geister besiegt.
Kein Tischerücken, kein Auspendeln, kein Anrufen der Geister
Verstorbener, keine Angst machenden Botschaften aus dem Jenseits –
beim Heiligen Geist geht es mit rechten Dingen zu. Der Geist Gottes
hat einen Namen: Jesus Christus. Wenn du wissen willst, wie der Geist
Gottes wirkt, musst du nur auf Jesus schauen, auf seine Botschaft der
Liebe, der Barmherzigkeit, der Feindesliebe und der Überwindung allen
Bösen, sogar des Todes.
Gemeinsam in EINEM Geist. Wir bleiben Menschen. Deshalb zweifeln wir
auch oft genug. Ein geistlicher Mensch, also jemand, der ganz in
Gottes Liebe lebt, wird man nicht weil man Theologie studiert oder gar
Pfarrer oder Pfarrerin oder was auch immer darstellt. Ein geistlicher
Mensch ist ein Mensch, der sich beschenken lässt, der sozuagen den
Lebenslauf des Glaubens weitergeht: Kindliches Urvertrauen in die Güte
und Liebe Gottes, dann der Zweifel, ob das alles so stimmen kann – und
dann durch alle Zweifel hindurch die Erfahrung machen: es ist ja doch
etwas dran am Glauben. Er schenkt Gelassenheit und Ruhe, er lehrt
Dankbarkeit und Demut. Er ist das entscheidende MEHR im Leben, MEHR
als Erfolg und Leistung, das letztlich meinem Leben erst Sinn
verleiht.
Nicht erschlagen soll uns der Geist, sondern frei machen. Frei zur
Gemeinschaft, zur Freude, zum Trost im Leid. Zum Leben im Vertrauen,
dass da jemand ist, der uns zuhört, dem wir wichtig sind und der uns
etwas zu sagen hat: Jesus Christus, unser Erlöser. Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.06.06