Predigt zum Reformationsfest

Was hat Glaube für Sie mit Freiheit zu tun, liebe Gemeinde?
Eine Frage, die gerade heute, am Reformationsfest einen guten Platz hat.
Für viele Menschen hat Glaube, verkörpert in Kirchen und Gemeinde, nichts mit Freiheit zu tun. Für sie ist Glaube Zwang. Der Zwang nämlich, an dies oder jenes zu glauben, dies oder jenes zu tun, nicht zu tun, und so fort.
Wobei ich vermute, dass diese Menschen nicht unbedingt in einen Gottesdienst zum Reformationsfest kommen würden, es sei denn, sie tun es um der besonderen Musik willen.

Was hat Glaube mit Freiheit zu tun – eine Frage, die die Refomatoren des 15. Jahrhunderts umtrieb.
Die Menschen empfanden sich als eingebunden in eine Gefüge aus Gott und Welt. Das Christentun – und wie anders real existent als durch die Kirche - galt als "heilige Ordnung". Jeder Mensch hatte seinen festen, von Gott vorbestimmten Platz. Jeder hatte sich einzufügen. Nur dadurch, nur durch die Erfüllung von genau definierten Pflichten und die Einhaltung genau definierter Regeln hatte der Christ Teil am Heil Christi. Frei zu sein bedeutete in diesem Rahmen nicht frei wie ein Vogel, sondern vogelfrei, wahrlich kein erstrebenswerter Zustand.
Was hat Glaube mit Freiheit zu tun – nichts, so wäre demzufolge die Antwort der mittelalterlichen Kirche.
Was hat Glaube mit Freiheit zu tun – alles, antwortet Luther mit Paulus.
Martin Luther widmet der Freiheit im Jahr 1520 eine ganze Denkschrift: „De libertate christiana“, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Luther schreibt an Papst Leo X., er will ihm darlegen, mit was er sich eigentlich beschäftigen wollte, müßte er nicht viel Zeit mit der Abwehr der Polemik vertun.
Aus seiner Sicht war es ein letzter Versuch des Ausgleiches zwischen ihm und dem Papst. Er hat aber weder auf den Brief noch auf die Freiheitsschrift jemals eine Antwort bekommen.
Die christliche Freiheit liegt für Luther begründet in der Vergebung, der Rechtfertigung, die Gott dem Menschen allein aus Gnade gewährt.
So ist Reformation für ihn Befreiung des Menschen seiner Zeit:
Die Befreiung von der Herrschaft des Papsttums in Rom: Der römische Katholizismus hatte nach seiner Meinung an die Stelle Jesu Christi den Papst gesetzt, an die Stelle der Schrift die Überlieferung.
Die Befreiung von dem Zwang, durch gute Werke zur Rechtfertigung zu gelangen: Die Menschen damals standen unter ständigem moralischen Druck. Sie waren ständig darum bemüht, ihren Platz im Jenseits zu sichern (Ablass).
Die Befreiung aus der engen Verbindung von weltlicher und geistlicher Obrigkeit im Kaisertum: Der Kaiser wollte auch über den Glauben und das Gewissen seiner Untertanen herrschen. Er ging dabei eine Allianz mit dem Papsttum ein. Luther wollte eine Trennung von weltlicher und geistlicher Obrigkeit.
Reformation ist Befreiung, schafft Freiheit, die jetzt für die Menschen zu einem positiv gefüllten Begriff wird.
Nicht umsonst zitiert Bach in seiner Kantate zum Reformationsfest den lutherischer Kirchenliederdichter Ludwig Helmbold mit Schlußstrophe des Liedes "Nun laßt uns Gott, dem Herren" von 1575...... Vielleicht hat er den Text im thüringischen Mühlhausen kennengelernt, wo Bach wirkte, Helmbold geboren wurde und 1598 starb.

Was hat ihr Glaube mit Freiheit zu tun? Eine ganze Menge, so würden sie mir wahrscheinlich antworten, denn Freiheit ist mittlerweile ein hohes Gut.
Die Ordnung der freien Welt, die freie Marktwirtschaft, die freie Meinungsäußerung, auf vielen Gebieten wird sie bemüht, die Freiheit.
Freiheit wovon? Dazu fallen Ihnen wie mir sicherlich hundert Dinge ein: zu viel Streß, zu viel Arbeit, oder zu viel Langeweile, Krankheit, Trauer, Enttäuschungen, nervigen Nachbarn und aufdringlichen Fremden, den Erwartungen der Familie und den eigenen Ansprüchen... Sie dürfen diese Liste für sich fortführen.
Die griechischen Philosophen der Stoa hatten einen ganz eigentümlichen Freiheitsbegriff, oder sie hatten unsere Liste nach Freiheit von perfektioniert. In den quasi-ostasiatischen religiösen Strömungen, die sich ausbreiten, kommen die alten Gedanken im neuen Gewand. Freiheit wird hier erreicht durch die innere Loslösung von Ansprüchen, Bindungen und Wünschen.
Eine andere Große der Musikgeschichte, Janice Joplin, hat die Konsequenz einmal so beschrieben: freedom is just another word for nothing left to loose. Freiheit ist nur ein anderes Wort für: nichts geblieben, dessen Verlust man betrauern könnte.
Nur, so fürchte ich, sind wir da schnell wieder beim Vogelfrei – Todesverfallen angelangt und nicht bei frei wie ein Vogel.
Frei wovon?
Vielleicht ist eher die Frage: Frei wofür?
Zu preisen Gottes Namen, durch Jesum Christum. Amen
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.

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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 24.11.06