
Gott hört unsere Gebete: er verwirft sie nicht, er fängt sie auf
Predigt am Sonntag Rogate, 21. Mai 2006
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
IV. Reihe: Kolosser 4,2-4
Gott sei
Dank. Denn zuerst einmal sage ich: Wie schön ist es, Wünsche zu haben.
Und auch wenn. ich gleich den Wünschen in Gebeten noch mit dem
Predigttext eine Richtung geben möchte, denke ich doch hier erstmal an
alles mögliche Schöne; ich denke an Wünsche wie: Erdbeeren mit
Schlagsahne, eine zwei in Mathe, an schöne Tage mit Freundinnen, an
Sonne im Mal, an neue Schuhe und ein gutes Gespräch, an einen
erholsamen Schlaf und ein gutes Buch. Wie schön ist es, Wünsche zu
haben'. Und wie wichtig ist es auch, Wünsche zu haben. Denn Wünsche
sind der Ausdruck dafür, dass nicht alles so bleiben soll und darf,
wie es ist. Wünsche zeigen darauf, dass und wohin das Bestehende
verändert werden kann, sie zeigen die Richtung und das Ziel: Wie
wünsche ich mir, dass mein Leben aussieht? Wenn ich traurig bin, dann
wünsche ich mir Menschen, die mich trösten. Wenn ich krank bin, dann
wünsche ich mir Heilung, ein Leben ohne Einschränkungen. Wenn ich jung
bin, dann wünsche ich mir, unabhängig zu sein, selber entscheiden zu
können.
Wie wünschen wir uns, dass unsere Welt aussehen sollte? Gerade wir
Christinnen und Christen haben, doch das Reich Gottes mit Frieden und
Gerechtigkeit vor Augen. Wir wünschen uns doch, dass alle Menschen als
Kinder Gottes leben können. Möge dieser Wunsch uns nie verlassen!
Wünsche sind wichtig, für uns und die Welt!
Ein Kind, liebe Gemeinde, bringt seine Wünsche in sein Gebet ein,
kleine Wünsche für sich, aber auch große Wünsche für alle Menschen. Es
tut das ganz selbstverständlich. Und auch für uns kann Beten sein:
Wünsche haben, Wünsche vor Gott aussprechen und nicht aufgeben,
Wünsche für sich, für den Nächsten und für die ganze Welt. Was das für
Wünsche sein können, und wie sich Beten und Wünschen gut verbinden
können, das finden wir in den zwei Versen aus dem Neuen Testament, die
für heute zur Predigt vorgesehen sind. Ich lese aus dem Brief an die
Gemeinde in Kolossa:
Habt Ausdauer im Gebet, wacht darin in Dankbarkeit. Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort öffnet, um das Geheimnis des Christus zu verkünden.
Liebe Gemeinde, wacht im Gebet wer würde dabei nicht auch an den
Garten Gethsemane denken, an Jesus, der seine Jünger bittet: Bleibt
hier und wacht mit mir. Wachet und betet! Dahinter steckt der Hilferuf
Jesu, aber auch jedes anderen Menschen, der unser Gebet braucht:
Erlebt wach und aufmerksam mit, was mir blüht oder droht! Erlebt mit
und teilt mit mir, was ich erlebe oder erleide. Vor dem Beten muss ich
schauen. Vor dem Wünschen muss ich hinsehen ganz wach sein. Einen
anderen Menschen in das eigene Beten einzuschließen bedeutet, ihn
wahrzunehmen, in seiner besonderen Situation, sei es in Freude oder
Leid. Für einen anderen Menschen zu beten, bedeutet, ihn als Geschöpf
Gottes wahrzunehmen, gerade ihm Gutes zu wünschen und ihn mit diesen
Wünschen Gott ans Herz zu legen.
Ich darf auch für mich selber beten, wach sein, was mein Leben
betrifft, aufmerksam zu mir. Ich darf mich sehen, wie ich bin, mit
Fehlern und mit Dingen, die ich mit Gottes Hilfe gut gemacht haben.
Ich darf auch für mich beten, schauen, wo mein Leben der Nähe Gottes
besonders bedarf, und dann wünschen, darum bitten, Wie das Wünschen
kann so ein Beten dafür stehen, dass nicht alles beim Alten bleibt.
Beten kann für mich und für andere die Welt verändern, weil es auch
mich selbst verändert: "mit offenen Augen durch diese Welt zu gehen,
offen für die eigenen Wunden und die der anderen, offen für Gottes
heilendes Wirken und den eigenen Beitrag zu Heilung der Welt" so heißt
es in zu einem ökumenischen Friedensgebet.
Wacht im Gebet in Dankbarkeit, so hören wir im Brief. Für mich macht
dieses Wort: Dankbarkeit aus bloßen Wünschen eben das, um was es
heute, am Sonntag Rogate, geht: es macht aus Wünschen ein Gebet.
Wünsche kann ich mir selber aufzählen, kann ich auf eine Wunschliste
schreiben, kann ich abhaken unter "wird ja eh nichts draus". Wünsche
brauchen kein Gegenüber. Dankbarkeit lebt von ihm. Dankbarkeit ist der
Ausdruck dafür, das mir bewußt ist, dass da einer ist, der größer ist
als ich. Dankbarkeit ist das Fühlen, dass Gottes Liebe da ist, meine
Wünsche für mich, für die anderen und für die Welt aufnimmt und hört.
Und wenn ich nun aufmerksam geschaut habe, liebe Gemeinde, für die
anderen, für mich, wenn ich in Dankbarkeit gewünscht habe, und mein
Gebet, mein Wunsch erfüllt sich nicht? Ich glaube, dass kennen wir
alle, liebe Gemeinde: Wir liegen nachts wach, wir bitten: um
Gesundheit, um das tägliche Brot den Arbeitsplatz, um ein glückliches
Leben für unsere Kinder, wir bitten darum, dass Schmerzen weniger
werden oder das die Freude uns erhalten bleibt, wir bitten um die Nähe
Gottes. Wir wünschen von ganzem Herzen und das dürfen wir auch. Aber
doch bleibt uns die Erfüllung für uns und für andere manches Mal
versagt. Und noch einmal das Psalmwort des heutigen Sonntags: Gelobt
sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir
wendet. Gott hört unsere Gebet, er verwirft sie nicht, sondern fängt
sie auf Unser Gott, der Vater Jesu Christi, wird seine Welt nicht im
Stich lassen und uns auch nicht. Wir sind seine Kinder, die er liebt.
Jesus hat uns gelehrt, wie wir beten können. Wir beten das Vaterunser
in seinem Namen und Auftrag. Wir bitten in seiner Nachfolge um das,
was wir brauchen und um das, was wir uns wünschen: Brot zum Leben,
Schuld, die vergeben wird, Gottes Reich, das kommen wird. Wie sollten
wir uns das nicht wünschen? Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 11.07.06