
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums
Predigt zum Sonntag Septuagesimä, 12. Februar 2006
Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe
IV. Reihe: Jeremia 9,22-23
Ebenso verhält es sich doch mit Stärke oder Reichtum. Viele mußten
hart arbeiten, für den Reichtum, den sie jetzt besitzen.
Will dieser Bibeltext aus uns Menschen machen, die sich geradezu
schämen für Klugheit, Stärke und Reichtum?
Und ist es nicht auch so, dass man sich manchmal schon selbst
rühmen muss, weil es doch niemand anders tut. Wie viel ehrenamtliche
oder zusätzliche Arbeit wird getan und es scheint fast so, als hielte
das niemand für erwähnenswert. Ich denke an die vielen Stunden, die
Menschen hier in dieser Gemeinde ehrenamtlich arbeiten, als
Leiterinnen und Leiter in den Gruppen und Kreisen, im Posaunenchor und
der übrigen Kirchenmusik, wenn mal gerade Not am Mann oder der Frau
ist, Kaffeekochen, Spülen, Kuchen backen, anfassen, wo es gerade nötig
ist, die Fahne aufhängen, den Stern herunter holen, viele viele
Handgriffe werden getan und die, die sie tun, können doch mit Recht
stolz sind auf ihre Arbeit, sich ihrer Arbeit rühmen. Denn „Klappern
gehört zum Handwerk“ „Tue Gutes und rede darüber“ diese Weisheiten,
die der biblischen Weisheit zu widersprechen scheinen, sind angesagt.
Niemand kommt heute voran im Leben mit allzu viel Bescheidenheit.
Wer weise ist, der rühme sich nicht der eigenen Weisheit. Unser
Text stammt aus dem Buch des Propheten Jeremia. Der Prophet ist
besorgt um sein Volk Israel, das unter der Herrschaft des
machtsüchtigen Königs Jojakim steht. Jojakim, geblendet von den
Anfangserfolgen seiner Regierung wird immer despotischer, er verkennt
völlig die weltpolitische Lage, denkt, er könne mit eigenen Mitteln
und größenwahnsinniger Politik der Großmacht Babylon die Stirn bieten.
Er pokert hoch und verliert, durch seine Selbstüberschätzung verliert
der Staat Juda die Eigenständigkeit und wird als besetzte Provinz dem
Großreich einverleibt.
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker nicht seiner
Stärke, ein Reicher nicht seines Reichtums. Das bedeutet nicht
Weisheit, Stärke und Reichtum an sich sind falsch.
„Sie sollen heute nicht aus der Kirche gehen und gesenkten Kopfes
sagen: "Ich bin klug. Das gefällt Gott nicht. Ich muß dümmer werden.
Oder: "Ich bin stark. Das gefällt Gott nicht. Ich muß schwächer
werden." oder: "Ich habe Geld. Das gefällt Gott nicht. Ich werde
Mißwirtschaft betreiben und arm werden."
Weisheit, Stärke und Reichtum, wir können wahrscheinlich ergänzen
Erfolg, Schönheit und Jugend, - sind an sich nichts Schlechtes, aber
sie sind nicht nur unser Verdienst. Wir können sicher viel dazutun und
doch wird das alles nichts nützen.
Wir haben gerade eben zwei Kinder getauft. Und zurecht sind die
Familien stolz auf die Beiden. Aber diese beiden Kleinen führen uns
das sehr deutlich vor Augen: Sie als Eltern und Familien haben sicher
einiges dafür getan, dass die Kinder gesund zur Welt kamen, dass es
ihnen gut geht, dass sie wachsen und gedeihen und sich gut entwickeln
können.
Aber wie viel dabei haben wir gerade nicht in der Hand. In wie viel
Situationen wird sehr bewußt, dass es diese Kinder gibt, dass sie
gesund und munter sind, all das und noch viel mehr ist zum großen Teil
Geschenk. Geschenk Gottes.
Weisheit, Stärke und Reichtum, Erfolg, Schönheit und Jugend – sie
sind Gaben Gottes und deshalb dienen sie nicht zur Selbstbespiegelung,
sondern dazu, Gottes gutes Tun an uns Menschen zur Sprache zu bringen.
So vieles im Leben ist unverdientes Geschenk. Der eigentliche Grund
zum Rühmen ist Gott. In der Hinwendung zu ihm hat unser Leben einen
Grund und einen Sinn, eine Mitte.
Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er klug sei und mich
kenne, daß ich Gott bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit
übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht Gott.
In einer Predigt zu diesem Text habe ich eine Passage gefunden, die
mich auf eine weitere als die persönliche Dimension des Textes
verweist:
„Eine Gesellschaft, die auf sich stolz sein will, soll sich nicht so
sehr ihrer Klugheit, ihrer Forschung, ihres technischen Fortschritts
rühmen, die soll sich nicht ihrer Stärke, ihrer Wehrfähigkeit und
ihrer Waffentechnik rühmen, die soll sich nicht ihres Reichtum, ihres
Bruttosozialprodukts und ihrer Inflationsrate rühmen, sondern sie soll
schauen, ob sie auch stolz sein kann auf die Barmherzigkeit unter den
Menschen, auf Recht und Gerechtigkeit.“
Um als Menschen leben zu können, auch miteinander leben zu können,
brauchen wir Gottes gutes Wirken. Dies zu erkennen ist unsere
Klugheit. Uns darauf zu verlassen ist unsere Stärke. Aus Gott zu leben
unser Reichtum. Amen.
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei
uns Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 14.02.06