
Zuspruch und Zumutung
Predigt zum Sonntag Sexigesimae, 19. Februar 2006
Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe
IV. Reihe: 2. Kor (11, 18.23b-30); 12, 1-10
(Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. [19 Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! 20 Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangennimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt. 21 Zu meiner Schande muss ich sagen, dazu waren wir zu schwach!
Wo einer kühn ist - ich rede in Torheit -, da bin ich auch kühn. 22 Sie sind Hebräer - ich auch! Sie sind Israeliten - ich auch! Sie sind Abrahams Kinder - ich auch! 23 Sie sind Diener Christi - ich rede töricht: ich bin's weit mehr!] Ich habe mehr gearbeitet, ich bin öfter gefangen gewesen, ich habe mehr Schläge erlitten, ich bin oft in Todesnöten gewesen. 24 Von den Juden habe ich fünfmal erhalten vierzig Geißelhiebe weniger einen; 25 ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden; dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Ich bin oft gereist, ich bin in Gefahr gewesen durch Flüsse, in Gefahr unter Räubern, in Gefahr unter Juden, in Gefahr unter Heiden, in Gefahr in Städten, in Gefahr in Wüsten, in Gefahr auf dem Meer, in Gefahr unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, in viel Wachen, in Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost und Blöße; 28 und außer all dem noch das, was täglich auf mich einstürmt, und die Sorge für alle Gemeinden. 29 Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht?
30 Wenn ich mich denn rühmen soll, will ich mich meiner Schwachheit rühmen.) [31 Gott, der Vater des Herrn Jesus, der gelobt sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge. 32 In Damaskus bewachte der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener und wollte mich gefangennehmen, 33 und ich wurde in einem Korb durch ein Fenster die Mauer hinuntergelassen und entrann seinen Händen.]
1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn
Jesus Christus! Amen
Liebe Gemeinde!
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den
Schwachen mächtig“! Vielleicht kennen Sie dieses Wort: „Lass dir an
meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“!
Vielleicht habe Sie sich schon an dieses Wort gehalten, in den
Momenten Ihres Lebens, in denen Sie schwach waren, und haben Gnade
erfahren.
Vielleicht wünschen Sie sich jetzt, wenn Sie dieses Wort hören, dass
das möglich sein könnte: sich in Not und Schwachheit an Gottes Gnade
halten und an ihr genug haben in der Schwäche.
Vielleicht bleibt Ihnen dieser Satz aber auch erst einmal fremd:
Gnade, Kraft in der Schwäche? Was ist damit gemeint? Und welchem Du
gilt dieser Satz?
Dieses Wort aus Gottes Mund, liebe Gemeinde, stammt aus dem Brief des
Paulus an die Gemeinde der Korintherinnen und Korinther. Und wenn wir
sonst die Briefe des Paulus eher als theologische Lehrstücke lesen, so
ist es diesmal anders. Dieser Brief ist der persönlichste, der, in dem
wohl am meisten vom Leben des Paulus und vor allem von seinen Sorgen
und Nöten sichtbar wird.
Während seiner Abwesenheit von Korinth haben sich dort andere Apostel
angesiedelt- Superapostel nennt Paulus sie ironisch, aber wohl auch
ein Stück verbittert. Sie lassen sich von der Gemeinde aushalten,
prahlen mit Gotteserfahrungen und Visionen. Die Gemeinde vergisst, was
Paulus sie gelehrt hat. Wir heute wissen nicht sehr viel über die
Lehren dieser anderen Apostel, aber Paulus treiben diese Lehren und
die Vorgänge in der Gemeinde zu Tränen, von denen er in seinem Brief
auch erzählt.
Und dann nimmt Paulus die Waffen der Gegner auf, sagt: Wenn es hier
etwas zu prahlen gibt, an echter Berufung, an Visionen, da kann ich
mithalten.
Aber Vorsicht: der Ton seiner Worte ändert sich, das Prahlen, das
Angeben des Paulus bekommt einen absichtlich gebrochenen Unterton.
Und dann das Wort Gottes, das er für sich gehört hat: „Lass dir an
meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“.
Ich lese aus dem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth, 12. Kapitel. Und
obwohl ich eine moderne Übersetzung von Renate Kirchhoff gewählt habe,
nehme ich mir doch die Freiheit, eben diesen einen Satz mit Luthers
Worten zu sagen.
„Jetzt ist es in der Tat nötig zu prahlen, auch wenn ich durch
Prahlerei niemanden gewinnen werde. Also komme ich auf die Visionen
und Offenbarungen Jesu Christi zu sprechen, die ich hatte: Ich kenne
einen Menschen, der zu Christus gehört. Vor 14 Jahren wurde er in den
dritten Himmel geführt- ob dies mit dem irdischen Leib geschah oder
außerhalb dieses Leibes, das weiß ich nicht, das weiß nur Gott. ( ...
) Dort hörte er Worte, die kein Mensch aussprechen darf. Mit diesem
Menschen prahle ich, was mich selbst betrifft, verweise ich jedoch nur
auf meine Schwäche. ( ... )
Damit ich nicht selbstgefällig werden, hat Gott mir einen Splitter in
den Leib getrieben, ein Engel des Satans, dieser soll mich mit Fäusten
schlagen, damit ich- wie gesagt- nicht selbstgefällig werde.
Dreimal habe ich Jesus gebeten, der Engel des Satans möge sich von mir
abwenden. Aber er antwortete: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn
meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Deshalb prahle ich lieber
mit meiner Schwäche, damit die Kraft Christi in mich einzieht. Deshalb
freue ich mich über Situationen der Schwäche, über Misshandlungen,
über Unfreiheit, über Verfolgungen, über bedrängende Not, die ich auf
Grund meiner Zugehörigkeit zu Christus erleide. Denn gerade dann, wenn
ich schwach bin, bin ich stark.“
Der Satz von der Gnade Gottes in der Schwachheit, liebe Gemeinde:
er gilt zu allererst einmal Paulus, ist Gottes Antwort für ihn,
Antwort auf seine Gebete. Welches der Splitter, der Pfahl im Fleisch
des Paulus war, welche Krankheit sich hinter diesen Worten verbirgt:
ob Epilepsie, Migräne, Rheuma- wir wissen es nicht. Aber inbrünstig
hat er um Heilung gebeten- und nicht erhalten. Trotzdem spricht er von
Gnade. Und zwar: Gnade, mit der er sich begnügen kann, weil sie genug
ist – genug zum Leben- für ihn.
Denn Paulus spricht hier von einer Sache zwischen Gott und sich. Er
sagt nicht, und das finde ich wichtig, liebe Gemeinde: Lieber
Johannes, liebe Phoebe, alle, die ihr leidet: Lasst euch an seiner
Gnade genug sein. Und nur so kann ich ihm das, was folgt, überhaupt
abnehmen - als persönliches Bekenntnis des Paulus:Er hat gelernt,
Gottes Kraft in seiner Schwäche zuzulassen, zu erfahren und so stark
zu werden. Und so wird gerade seine Schwäche für ihn zu einer guten
Möglichkeit, Gott zu begegnen. Aber gerade das ist wohl Gottes
besonderes Geschenk ...
Und wir, liebe Gemeinde? Wir lassen Paulus zurück und fragen uns: Gilt
für uns denn auch: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft
ist in den Schwachen mächtig“!
Viele von uns hier können sagen: Ja, es gilt. Könnten von eigenen
Leiden erzählen, mit denen sie nicht prahlen wollen, krank sein an
Leib und Seele.
Könnten auch erzählen von Stärke in der Schwachheit. Von der Kraft
Gottes, die sie jeden Morgen hat wieder aufstehen lassen. Die Kraft
Gottes, die sie wieder lieben lässt. Die sie erzählen lässt von dem,
was sie bedrückt, und die sie im Reden aufatmen lässt.
Könnten erzählen von der Erfahrung der Gnade Gottes, obwohl ihre
Bitten nicht erhört worden sind. Obwohl Leiden und Anfechtung
geblieben sind.
Und so ist und bleibt dieser Satz Zuspruch und Zumutung zugleich.
Diese Stimme Gottes zu hören, die leise Stimme Christi, ist Gnade und
wirkt Gnade. Aber: Gnade kann man nicht planen. Sie wird geschenkt und
ich kann von ihr im Nachhinein erzählen, wie sie mich verändert hat,
mich stark gemacht hat in meiner Schwäche. Vielleicht: Ich bekomme
Nachsicht mit mir und meinem Leben, vielleicht: ich kann mit Gnade auf
mein Leiden schauen, auch wenn es bleibt. Was wäre, was ist für Sie
Gnade in der Schwäche? .....
Und so bleibt am Ende die Bitte: Möge der unserer Schwachheit gnädig
sein, der selber schwach geworden ist für uns- allein aus Gnade. Und
der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere
Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 22.02.06