
Wegzeichen
Predigt zum Altjahresabend - 31. Dezember 2005
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Die Israeliten zogen aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in der Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.
Soweit unser Predigttext. Gott segne dein Wort an uns allen.
Ja, die alten Israeliten hatten es einfacher mit der Orientierung.
Damals, als sie in der Wüste unterwegs waren, befreit aus Ägypten,
angeführt von Mose, Aaron und Miriam, hin in das gelobte Land, da
Milch und Honig fließen. Es war Gott selbst, der ihnen voran ging, und
zwar so, dass man ihn zweifelsfrei erkennen konnte, eben sich
orientieren: Da gab es die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule in
der Nacht.
Tag und Nacht wussten sie, wo es lang ging. Haben Sie, liebe
Schwestern und Brüder 2005 immer gewusst, wo es langgeht? Wissen Sie
jetzt, woran Sie sich orientieren können, da in wenigen Stunden das
Neue Jahr beginnt? Vielleicht haben Sie auch Sehnsucht nach einem
Zeichen, nach etwas, woran Sie sich orientieren können ...
Es müsste schon ein anderes Zeichen sein als Bleigießen, Horoskope und
ähnliches, was ja letztlich von uns Menschen gesteuert wird und wovon
nicht wenige abhängig sind. Es müsste schon ein ganz anderes Zeichen
sein, eines, das wirklich von jemandem kommt, der den Überblick hat -
und der es gut mit uns meint. Es müsste schon ein Zeichen von Gott
selbst sein, damit wir wissen: Er hat uns nicht vergessen, wir können
uns seinem Weg anvertrauen ...
Und es wäre gut, wenn dieses oder diese Zeichen unmissverständlich
wären; denn wir leben ja in einer Zeit der Bilderüberflutung, der
Inflation von Informationen. Wem soll man folgen? Wonach soll man sich
richten? Auch in der Kirche, auch in sich christlich nennenden Kreisen
gibt es eine Unmenge an sich völlig widersprechenden Hinweisen und
Behauptungen - was ist richtig?
Damals in der Wüste gab es die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule
bei Nacht. Aber ich glaube nicht, dass diese Zeichen wirklich für alle
eindeutig waren. Sie waren eine große Hilfe für die, die fest
glaubten, dass in ihnen Gott selbst verborgen war. Aber es gab mit
Sicherheit auch die Skeptiker: Wolkensäulen in der Wüste: ist da nicht
ein besonderer Wirbelsturm am Werk oder handelt es sich um eine Fata
Morgana? Ähnliches gilt für die Feuersäule. Nein, nicht Zeichen
begründen den Glauben, sondern, wer glaubt, dem schenkt Gott Zeichen
auf dem Weg.
Worin gibt uns heute Zeichen auf den Weg, Orientierung in unserer
Wüste, unserem Unterwegs-Sein? Jeder und jedem für sich - und uns als
Gemeinschaft der Gemeinde. Lassen Sie es mich ganz einfach sagen:
Wolkensäule und Feuersäule - Mit fällt dazu ganz spontan ein: die
„Wolke der Zeugen“ und das „Feuer des Heiligen Geistes“.
„Wolke der Zeugen“: Der Begriff stammt aus dem Hebräerbrief,
12.Kapitel, 1.Vers. Ich bin froh, dass ich mit meinem Glauben nicht
alleine stehe, sondern dass um mich herum Menschen sind, die auch
glauben, die es versuchen, denen es überzeugt gelingt oder die voller
Zweifel sind, die auf eine andere Art glauben oder eine ganz ähnliche;
die einen hart erkämpften, bewährten Glauben haben oder in einer
festen Glaubenstradition stehen. Ich bin Gott dankbar, dass ich nicht
allein glauben muss. Bücher sind mir wichtig, besonders das Buch der
Bücher, die Bibel. Aber auch die Menschen, die aus der Bibel ihren
Glauben gefunden haben, die darum ringen, die auch manches kritisch
hinterfragen und sich an manchen Aussagen reiben. Die dennoch glauben,
nicht nur mit dem Verstand, sondern vor allem mit ihrem Herzen. Ich
bin Gott dankbar, wenn ich mit Menschen über den Glauben reden kann.
Mein Glaube wird stärker durch den Glauben anderer. Wir sollten viel
mehr gemeinsam in der Bibel lesen und vor allem darüber reden, was uns
die Texte in unserem Leben heute sagen. Weil uns das Orientierung
gibt. Nicht, weil ich glauben muss, was ein anderer mir vorgibt.
Sondern weil ich durch den Glauben anderer den Weg erkenne, den Gott
mich führen will. Bibel- und Glaubensgespräche sind für mich die
Wolkensäulen am Tag, die mir helfen, mich zu Recht zu finden.
In der Nacht: „Das Feuer des Heiligen Geistes“ (Apostelgeschichte
2,3). Die Betonung liegt dabei für mich auf dem HEILIGEN Geist. Der
Heilige Geist hat u.a. die Eigenschaft, dass er die Geister scheidet.
Im Gegensatz zu allen möglichen Geistesgröße, geistvollem und
geistlosem Reden in und um die Kirche hat der HEILIGE Geist einen
festen Anhalt und Inhalt. Und der liegt eben nicht im Geist von
Menschen, sondern allein in JESUS CHRISTUS. Der Heilige Geist ist der
Geist Jesu Christi. Die Nacht ist die Zeit, in der man müde ist und
schläft. Wie gut, dass es da Jesus Christus gibt, so wie ihn die Bibel
immer neu vor Augen führt, der uns wach macht, dessen Feuer der
Gottes- und Menschenliebe uns anstachelt. Jesus mutet dem reichen
Jüngling zu, sich von seinem Besitz zu trennen und ihm nachzufolgen.
Aufwecken soll uns dies, dass da etwas in uns brennt, auch zum Abgeben
zum Teilen bereit zu sein, weil es etwas Besseres, Höheres,
Wichtigeres gibt als menschlichen Besitz: Nämlich die Liebe zu Gott
und die Liebe zum Nächsten - und nicht zuletzt die Liebe zu sich
selbst.
Die Nacht ist aber die Zeit, in der die trüben Gedanken kommen, die
quälenden Fragen nach dem Sinn, die Sorgen und die Angst vor der
Zukunft. Jesus Christus selbst kann hier zum Wegweiser werden, zur
Feuersäule. Weil er selbst die bedrohlichen Nachtgedanken kennt und
sie durchlitten hat. Sein Geist kann uns den so wichtigen Funken der
Hoffnung ins Herz geben. So wie bei den Emmaus-Jüngern, die - ohne zu
wissen, mit wem sie unterwegs waren - nach dem gemeinsamen Weg mit dem
auferstandenen Jesus sich staunend fragten: „Brannte nicht unser Herz,
als er mit uns redete auf dem Weg und uns die Schrift öffnete?“ Lukas
25,32.
Was gibt es Schönere, Tröstlicheres und Hoffnungsvolleres, was könnte
mehr Orientierung schaffen als dieses Bild: Es brennt im Herz, weil
wir spüren, der uns da die Schrift ausgelegt hat, was Jesus selbst ...
Dieses Bild der beiden Menschen, die miteinander auf dem Weg von
Jerusalem nach Emmaus gingen UND JESUS GING MIT IHNEN ist ein so
schönes Bild für den Übergang von einem Jahr zum anderen. Hier haben
wir das gefunden, was dem Volk Israel in der Wüste Gott geschenkt hat:
Die Wolkensäule am Tag und die Feuersäule in der Nacht.
Glauben Sie, liebe Schwestern und Brüder, auch Gott lässt uns nicht
ohne solche Wegzeichen weder am Tag noch in der Nacht.
Wir müssen sie nur sehen.
Amen.
© Ev. Kirche Bad Lippspringe 05.01.06