II. Reihe: Röm 3,21-28
21. Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor
GOtt gilt, offenbaret und bezeuget durch das Gesetz und die Propheten.22. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor GOtt, die da kommt
durch den Glauben an JEsum Christum zu allen und auf alle, die da
glauben.23. Denn es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder und
mangeln des Ruhms, den sie an GOtt haben sollten,24. und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die
Erlösung, so durch Christum JEsum geschehen ist,25. welchen GOtt hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den
Glauben in seinem Blut,damit er die Gerechtigkeit, die vor ihm gilt,
darbiete, in dem, daß er Sünde vergibt, welche bis anher geblieben
war unter göttlicher Geduld,26. auf daß er zu diesen Zeiten darböte die Gerechtigkeit, die vor ihm
gilt, auf daß er allein gerecht sei und gerecht mache den, der da ist
des Glaubens an JEsum.27. Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welches Gesetz? durch
der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz.28. So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des
Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
(Unrevidierte Luther-Bibel 1545: http://www.luther-bibel-1545.de/crom.htm)
Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde!
Heute vor fast 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, machte sich ein junger Theologieprofessor auf und schlug 95 Thesen an die Eingangstür der Wittenberger Schlosskirche.
– Das war nicht so besonders wie es vielleicht klingen mag, dass ein Professor die Eingangstür der Schlosskirche für eine Veröffentlichung nutzte: diese Tür war eine Art „Schwarzes Brett“ der Wittenberger Universität. Hier wurden Neuigkeiten bekannt gegeben, Veranstaltungen angekündigt, wissenschaftliche Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich gemacht - und so nutzte auch der junge Theologieprofessor – Martin Luther - dieses „Schwarze Brett“, um 95 Thesen zu veröffentlichen. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung lud er zu einem Streitgespräch, einem „Diskussionsabend“, über den Inhalt der Thesen ein.
Luther war zu dieser Zeit Professor für Bibelwissenschaften an der Wittenberger Universität, er beschäftigte sich intensiv mit biblischen Büchern, mit den Psalmen, vor allem aber mit neutestamentlichen Briefen, zum Beispiel dem Römerbrief.
Eine Reaktion auf seine Veröffentlichung der 95 Thesen und auf seine Einladung zum Streitgespräch blieb zunächst aus: Weder die Theologen der Wittenberger Universität noch die Bischöfe (Albrecht von Mainz und Hieronymus Schulze von Brandenburg), die Luther als seine (kirchlichen) Vorgesetzten über die Thesen informiert hatte, reagierten. Erst als Luther seine Thesen auch nach Erfurt und weitere Städte sandte, begann – dann aber in rasantem Tempo - eine Entwicklung, die er so nicht beabsichtigt hatte: Seine ursprünglich lateinisch verfassten Thesen wurden ins Deutsche übersetzt, verbreiteten sich innerhalb kürzester Zeit in ganz Deutschland und polarisierten die Menschen: Das Kirchenvolk war begeistert über Luthers Thesen, Luthers Gegner jedoch reagierten verärgert und kündigten ihm, dem „Ketzer“, das Fegefeuer an.
Worum ging es in diesen 95 Thesen? – Ich glaube, wir wissen das heute nicht mehr immer so ganz genau: „95 Thesen“, ja, das Stichwort erinnern wir vielleicht noch aus dem Konfirmandenunterricht oder der Schule, vielleicht haben wir auch noch Bilder im Kopf, die Luther, wie er eine große Papierrolle an eine Kirchentür nagelt, zeigen; - ich erinnere mich, dass diese Szene auch im Lutherfilm, der im letzten Jahr in den Kinos war, gezeigt wurde.
Luther kritisierte die in der damaligen Kirche übliche Ablasspraxis; in den 95 Thesen formulierte und erläuterte er diese Kritik. Ablass – auch das kennen Sie noch aus dem Konfirmandenunterricht oder der Schule, spätestens aus dem letztjährigen Lutherfilm -, Ablass, das war eine Möglichkeit, die die Kirche ihren Gläubigen bot, sich von der Strafe für begangene Sünden freizukaufen. Zur Zeit Luthers hatte diese Einrichtung der Kirche, das Ablasswesen, groteske Züge angenommen: Die Menschen konnten nicht nur für begangene Sünden einen Ablass erwerben, sondern auch für Sünden, die sie vielleicht noch begehen würden, oder sie konnten für schon verstorbene Angehörige einen Ablass erwerben, um ihnen so die Zeit im Fegefeuer zu verkürzen. Der Dominikanerpater Johann Tetzel, der maßgeblich am Ablasshandel beteiligt war und ihn in marktschreierischer Weise betrieb – nach der Devise: „sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“ -, erregte besonders Luthers Unmut.
Luthers Unmut hatte einen tiefen Grund: Sein Leben lang hatte ihn das Gefühl gequält, vor Gott nicht bestehen zu können. Immer wieder war er an Gottes Geboten und Gesetzen gescheitert und hatte es nicht vermocht, es Gott recht zu machen. Nächtelang hatte er wach gelegen und mit der Angst vor dem Zorn Gottes – und mit Gott - gekämpft: „Ich mache so viel falsch, alle guten Vorsätze, es richtig zu machen, zerrinnen mir immer wieder zwischen den Fingern. Es gelingt mir nicht, so zu sein wie ich sein sollte. Was muss ich tun, dass du mich nicht verwirfst, Gott?“ Luther suchte verzweifelt nach einer Antwort auf seine Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Jahrelang studierte er und las in der Bibel, - bis ihm eines Tages, beim Studium des Römerbriefes, die Antwort geschenkt wurde: Dort las er von der „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“, der „Gerechtigkeit allein aus Glauben“ und auf einmal verstand er die Bedeutung dieser Worte ganz neu: Gottes Gerechtigkeit besteht nicht darin, dass er uns – „gerecht“ – nach unseren Taten und Untaten beurteilt und verurteilt, sondern Gottes Gerechtigkeit besteht darin, dass er uns „gerecht macht“. Wir sind gerecht vor Gott, wir sind Gott „recht“, ohne dass wir irgendetwas dafür tun und leisten müssen. So heißt es auch im letzten Vers unseres Predigttextes: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“ (Röm 3,28).
Luther hatte das Evangelium, die frohe Botschaft von der Liebe Gottes, der sich uns zuwendet ohne Vorleistung und gute Taten und Werke, neu entdeckt. Auf der Suche nach einem gnädigen Gott, auf der Suche nach der Liebe Gottes hatte er mithilfe der Bibel und in der Bibel wiedergefunden, was im Laufe der Jahrhunderte und im Alltag der Kirche immer mehr vernachlässigt worden war: Gott ist gnädig und Gott wendet sich uns zu – nicht, weil wir ihn durch unsere guten Taten oder das teure Erwerben eines Ablasses dazu bringen, gnädig und zugewandt zu sein, sondern weil Gott selbst es so will. Gottes Gnade und Güte hängt nicht von uns ab, nicht von unserem Verhalten, unserem Tun und Lassen, Gottes Gnade und Güte ist allein Gottes Sache. – Die damalige kirchliche Einrichtung des Ablasses aber vermittelte den Menschen genau das Gegenteil: Wenn du einen Ablass kaufst, das heißt, wenn du etwas tust, dann tut auch Gott etwas, verhält sich entsprechend und erlässt dir die Strafe für deine Sünde. Gegen dieses falsche Verständnis der „Gerechtigkeit Gottes“ sah sich Luther berufen vorzugehen.
Luthers Wiederentdeckung des „rechten“ Verständnisses der Gerechtigkeit Gottes leuchtete zuerst in seiner Kritik am Ablasswesen, in den 95 Thesen vom 31. Oktober 1517, auf. Deshalb gilt dieser 31. Oktober 1517 als „Geburtsstunde der Reformation“, derer wir alljährlich gedenken.
Welche Bedeutung hat aber die Erkenntnis Luthers, welche Bedeutung hat die Reformation für uns heute noch? Hat sie überhaupt noch eine Bedeutung? Wir wissen doch, dass Gott sich nicht von unseren guten Taten und Werken abhängig macht. Wir leben doch in Freiheit aus der Liebe Gottes, lassen uns von seiner Gnade und Zuwendung zu wahrem Leben beflügeln.
– Oder?
Sind uns Gedanken und Gefühle, wie ich sie vorhin für Luther formuliert habe, tatsächlich gänzlich unbekannt? „Immer wieder bleibe ich hinter meinen Erwartungen an mich selbst zurück“, „immer wieder enttäusche ich die in mich gesetzten Erwartungen anderer“, „immer wieder bringe ich nicht die Leistung, die ich eigentlich bringen sollte“. – Ich glaube, dass viele von uns solche oder ähnliche Gedanken kennen.
Im Unterschied zu Luther haben wir diese Gedanken aber nicht bzw. nicht vorrangig gegenüber Gott, sondern gegenüber uns selbst und gegenüber den Menschen, die uns umgeben: Familie, Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen.
Was wir uns oft nicht klar machen, ist aber, dass die freimachende Liebe Gottes sich nicht allein auf die Beziehung zu Gott beschränkt. Die Botschaft der Liebe Gottes will uns in allen unseren Bezügen erreichen, unser ganzes Leben umfassen.
Die Wiederentdeckung Luthers, dass wir Gott recht sind, ist fast 500 Jahre alt, aber auch heute noch aktuell.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen
und Sinne in Christus Jesus. Amen.