II. Reihe: 2. Timotheus 2, 1-6a
Liebe Gemeinde,
zu einem weisen Einsiedler kam ein junger Mensch mit der Bitte: Lehre mich
deine Weisheit und lehre mich beten. Das will ich tun, sagte der Einsiedler,
aber zunächst nimm diesen Korb, geh zum Fluss, der dort am Fuß des Berges
fließt und hole mir Wasser.
So ging der junge Mensch mit dem alten Korb zum Fluss, schöpfte Wasser, oder
versuchte Wasser zu schöpfen, denn das meiste Wasser rann natürlich durch den
Korb auf den Boden.
Als er zu dem Einsiedler zurückkam, waren nur noch einige Tropfen im Korb
vorhanden, alles übrige Wasser war herausgelaufen.
So schickte ihn der Weise erneut zum Fluss. Der junge Mensch wollte
aufbegehren, aber der Einsiedler deutete nur auf den Weg zum Fluss und wandte
sich ab.
Also versuchte der junge Mensch noch einmal, Wasser in den Korb zu schöpfen.
Und es geschah das gleiche wie beim ersten Mal, alles Wasser war verschwunden,
als er den weisen Mann erreichte. Dieser schickte ihn ein drittes, viertes und
fünftes Mal, bis der junge Mann endgültig den Mut fand, zu protestieren. Ich
kam zu dir auf der Suche nach Weisheit und mit dem Wunsch, das Beten zu
lernen. Was hat dieses sinnlose Gerenne zum Wasser mit einem Korb damit zu
tun. Sag mir, dass du mich nicht lehren willst oder kannst, so gehe ich meines
Weges und verschwende nicht deine und eine Zeit.
Der Einsiedler lächelte und sah dem jungen Menschen eine Weile in die Augen.
Schau in den Korb und sage mir, was du siehst.
Ungehalten antwortete dieser: Ich sehe den alten Korb, sein Boden ist nass und
auch etwas blanker als er vorher war.
Aber, was hat das alles mit meiner Suche nach Weisheit und Gebet zu tun.
Ja siehst du denn nicht, es ist doch sehr ähnlich.
Auch das Gebet will regelmäßig geübt sein.
Du brauchst viel Geduld, denn Erfolg, Erhörung oder Ergebnis ist selten sofort
zu spüren.
Und doch verändert Gebet dein Leben, so wie das Wasser den Korb verändert hat,
obwohl es dir nicht gelungen ist, es darin zu sammeln.
Rogate – so der Name dieses Sonntags. Rogate, betet! Und der heutige
Predigttext aus dem ersten Timotheusbrief ermahnt uns:
Betet! „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte, und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut uns wohlgefällig vor Gott unserem Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben hat zur Erlösung für alle.“
Beim ersten Hören ist mir der Text fremd, zu groß und mahnend der
Zeigefinger, der dort auf mich gerichtet wird.
Beim zweiten Hinschauen entdecke ich erstaunliches: für den König und alle
Könige soll dort gebetet werden. Die christliche Gemeinde, eine verschwindend
kleine Minderheit irgendwo im riesigen römischen Weltreich wird aufgefordert,
für die Könige und alle Obrigkeit zu beten. Wahrlich nicht, weil heidnische
Obrigkeit und Christen ein wunderbares Verhältnis gehabt hätten,
wahrscheinlich hätten sich die Könige ein solches Gebet auch strikt verbeten!
Für die Gemeinde heißt das allerdings: betet nicht nur für die, die euch
wohlgesonnen sind. Betet nicht nur für eure Familie, eure Freunde und
Bekannten, nehmt die Welt ins Gebet. Beten überschreitet Grenzen von Staaten,
Religion, Sympathie. Christus hat sich hingegeben für alle Menschen, deshalb
können wir nicht nur an uns und die unsrigen denken und für sie beten.
Beten verändert nicht nur uns selbst. Beten entwickelt eine persönliche
Beziehung zu Gott, eine Beziehung, die das regelmäßige Gespräch braucht. Im
Gebet schauen wir über den „Tellerrand“ unsrer eigenen Befindlichkeit und
unseres eigenen Selbst. Beten verbindet uns mit den anderen Geschöpfen für die
wir beten und mit denen wir beten.
Unsere Gebete ähneln vielleicht dem Schöpfen des Wassers in den Korb mit
grobem Geflecht. Oft haben wir den Eindruck: sinnlos, verlorene Zeit, vertane
Mühe. Beten ändert nichts an dieser Welt, an unserem Leben. Und doch sind da
mit viel Geduld auch Erfahrungen möglich: es hat sich etwas geändert. Bei mir,
die ich bete. Bei den Menschen um mich herum, für die ich bete. Bei den
Menschen und allen Geschöpfen, der Natur, für die Gebete gesprochen werden.
Sogar in der Welt, die ich ins Gebet nehme.
Amen