Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Gott kann gar nicht anders

Predigt zum Sonntag Rogate, 1. Mai 2005

Pfarrerin Kerstin Heibrock, Bad Lippspringe

III. Reihe: Lukas 11, 5-13

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag ist in der Lutherbibel überschrieben mit "Der bittende Freund". Diese Überschrift hat eine lange Tradition, und vielleicht wissen viele von Ihnen wissen Jetzt auch schon, welches Evangelium wir gleich hören werden.

Ich möchte dem Textabschnitt aber von vornherein eine andere Überschrift geben für die, den Text kennen genauso für die, die ihn nicht kennen. Meine Überschrift lautet: Gott kann gar nicht anders.

Ich lese aus Lk 11, die Verse 5-13:

Jesus sprach zu seinen Jüngern und Jüngerinnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;  denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf. Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Wir sind, liebe Gemeinde, mitten im Alltag in einem Dorf in Galilää.

Es gibt dort keine Läden. Die Hausfrau backt am Morgen den Tagesbedarf für die Familie. Drei Brotfladen gelten als Mahlzeit für eine Person. Und bei einer engen Nachbarschaft weiß die eine Nachbarin von der andern, der ein Nachbar vom andern, wer am Abend eines Tages noch Brot übrig haben kann Sie wissen ja sicher auch, wo in der Nachbarschaft Sie ein Ei eine Zwiebel oder ein Päckchen Tortenguss leihen können. Nur würden wir uns diese Bitte mitten in der Nacht wohl dreimal überlegen. Der späte Gast kann sich doch erst einmal ausschlafen. Morgen früh wird man dann schon sehen. Das ist doch kein Anlass, jetzt noch jemanden aus dem Bett zu holen. Für die Menschen, denen Jesus diese Geschichte erzählte, stellten sich diese Fragen nicht. Gastfreundschaft und Nachbarschaft waren unumstößliche Güter. Und so war klar: Keiner, dem dieses Gastrecht etwas galt, würde den nächtlichen Bittsteller mit leeren Händen nach Hause gehen lassen. Das war undenkbar, eine Schande, eine "Unverschämtheit' des Gebetenen, nicht des Bittstellers. Auch heute noch ist in vielen Ländern viel mehr als bei uns die Gastfreundschaft eines der höchsten Güter. Und so war für alle, die diese Geschichte hörten, eben klar: der Bittende wird bekommen, was er braucht, aber vor allem: der selbst in der Nacht geweckte wird geben, was er hat. Er kann gar nicht anders. Wie Gott.

Wie Gott? "Herr, lehre uns beten", so bitten die Freunde und Freundinnen von Jesus. Und Jesus sagt es ihnen: zuerst die Worte, mit denen sie beten können. Er lehrt sie: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag. Und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung. Und dann zeigt er ihnen, was wichtiger als Worte: Er zeigt ihnen den, zu dem sie beten. Er zeigt uns den, zu dem wir mit ihnen beten. Er erzählt eine Geschichte, die alle verstehen. Auf Gott können wir uns verlassen auch mitten in der Nacht.


Auf Gott können wir uns verlassen, wie auf einen richtigen Vater und eine richtige Mutter, die wir um das bitten können, was wir brauchen, für Leib und Seele. Auf Gott können wir uns verlassen: Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet. So ist Gott: Bittet, denn Gott wird euch geben. Suchet, denn Gott wird sich finden lassen. Klopfet an, denn Gott wird euch immer wieder die Tür öffnen.

Um Gott geht es heute in den Worten Jesu, nicht so sehr um uns: wie schwer das Bitten oft ist, wie schwer es ist, Gott zu suchen im Leben mit Schönem und Schwerem, wie schwierig es immer wieder ist, die Tür zu finden, die Gott uns öffnet. Gebete und ihre Erhörung das ist eine Frage, die uns immer wieder Mühe macht und zweifeln lässt. Ich glaube, dass kennen wir alle, liebe Gemeinde: Wir liegen nachts wach, wir bitten: um Gesundheit, um das tägliche Brot den Arbeitsplatz, um ein glückliches Leben für unsere Kinder, wir bitten darum, dass Schmerzen weniger werden oder das die Freude uns erhalten bleibt, wir bitten um die Nähe Gottes. Ich kann dazu schwer kluge Worte finden, die manche vielleicht jetzt erwarten. Ich stehe dabei, wie immer, wenn es um Glauben geht, mit meinen Zweifeln und Sorgen zwischen Ihnen. Ich halte mich wie wir alle an das Wort Jesu, mit dem das Johannesevangelium von heute geendet ist: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.. Unser Gott, der Vater Jesu Christi, wird seine Welt nicht im Stich lassen und uns auch nicht, Wir sind seine Kinder, die er liebt. Und ich vertraue darauf. Gott kann gar nicht anders. Wir, die wir Menschen sind, können oft anders, können Bitten versagen, können unverlässlich sein, können zweifeln. Gott aber kann nicht anders. Gott kann gar nicht anders, als unsere Stimmen zu hören, unsere Gebete an sich heran zu lassen und auf sich zu nehmen. Er ist unser Freund in der Nacht, unser guter Vater und unsere gute Mutter. Er kann gar nicht anders, denn: Er ist unser Gott. Amen