Das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg. Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.
Matth 20, 1-16a Lutherbibel 1984 © 1985 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Ich
saß auf dem langen Flur in der Kinderambulanz und wartete, daß Carol
aufgerufen wurde. Wie immer brachte ich sie einmal im Monat zu ihrem
festgesetzten Arzttermin.
An diesem Tag bat mich die Kinderärztin mit Edilaine, der Mutter einer
kleinen Patientin zu sprechen. Juliana verbrachte seit ihrer Geburt mehr Zeit
im Krankenhaus als zu Hause. Immer wieder wurde sie mit schwerster
Lungenentzündung eingewiesen und blieb mehrere Wochen in stationärer
Behandlung . Die Ärzte vermuteten das Edilaine mit der Versorgung des kranken
Kindes überfordert war.
Nun saß sie vor mir, auf der Holzbank in dem langen Flur des Krankenhauses und
wartete wie viele andere Mütter darauf an die Reihe zu kommen. Sie hielt die
viel zu kleine Juliana auf dem Arm. Es schien so als wollte sie, mit dem Tuch
welches sie über das Kind gelegt hatte etwas verbergen. Eine kräftige junge
Frau die, wie es mir schien, von Natur aus fröhlich war und gerne lachte.
Vorsichtig begann ich das Gespräch.
Sie
antwortete mir nur zögernd auf meine Fragen, erzählte das Juliana eine
Frühgeburt, ein 6 Monatskind sei und nur 900 Gramm wog und auch jetzt mit 1
Jahr und 3 Monaten erst 4 kg schwer war. Ich nahm das kleine Wesen auf den Arm
und da sah ich was sie verbergen wollte. Sie war wieder schwanger. Natürlich
ist ein Krankenhausflur nicht der geeignete Ort für ruhige Gespräche und so
besucht ich Edilaine bei ihr zu Hause.
Favela do Gato, Favela der Katze, so heisst der Ort. Es ist eine der schlimmsten und gefährlichsten Favelas von São Paulo. Ein enger Gang führt huinein, rechts und links kleine Holzbaracken, die oben fast zusammenwachsen. Es regte sich kein Wind und so war der üble Geruch des vorbeifliessenden Flusses besonders stark zu spüren. Der Autolärm der vorbeiführenden sechs spurigen Strasse war entsetzlich und es war nicht mal Hauptverkehrszeit. Ich fragte mich warum hier nicht jeden Tag unzählige von Unfällen passieren, als ich sah wie die Menschen die Strasse, ohne Ampel, überquerten. So gar Kinder rannten eilig um auf die andere Seite zu kommen. Unwillkürlich musste ich daran denken, Gott ist Brasilianer, sagen sie oft, er behütet sein Volk. In mich hineinlächelnd betrat ich die Favela.
Seit
8 Jahren bin ich nun schon in São Paulo. Viele Favelas habe ich gesehen und
die Armenviertel gehören zu meinem täglichen Leben. Hausbesuche in kleinen
Hütten, die Armut, das Zusammenleben auf engstem Raum, Kinder die in diesen
engen Gassen spielen, umgeben von Schmutz und Gefahren. Mit vielen Menschen
habe ich schon gelacht und geweint.
Doch diese Hütte war besonders klein, aber fast wie alle sehr sauber. Ein Raum von vielleicht 10 qm, der als Küche diente und von dem auch noch das Bad mit Brettern abgeteilt war. Eine kleine Stiege führte nach oben. Und hier sah ich nur ein Ehebett., einen baufälligen Schrank, eine Komode und ein Kinderbett.
Wo schlief diese Frau mit ihren Kinder fragte ich mich sofort. Die Antwort war einfach. Das kleinste im Kinderbett und die anderen mit der Mutter im Ehebett. Hier fehlte es an allen Ecken und Enden.
Aber es war nicht immer so. Sie war 16 als sie mit ihrem Mann und dem
ersten Kind in diese Hütte zog. Und sie hatten noch den Traum von einem
kleinen Häuschen ausserhalb der Favela. Beide hatten eine Arbeit und da sie
hier keine Miete zahlten und die Kosten für Strom und Wasser sehr gering waren
konnte jeden Monat etwas gespart werden. Wie sollte sie wissen, das sich ihr
Traum nie erfüllen würde.
Es begann, als ihr Mann seine Arbeit verlor. Nun musste sie die Familie
ernähren und inzwischen waren schon 3 Kinder da, viel blieb nicht übrig zum
Sparen. Der Ehemann hatte viel zu viel Zeit. Immer häufiger gesellte er sich
zu den dunklen Subjekten der Favela und liess sich auch eines Tages auf dunkle
Geschäfte ein. Es kam wie es kommen musste, von der Polizei ergriffen wurde er
zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt.
Nun war sie allein mit den Kindern verzweifelt und einsam. Ich konnte sie
verstehen als sie mir sagte das sie sich nach fast drei Jahren auf eine neue
Beziehung einliess, und wieder kam ein Kind zur Welt, Juliana.
Doch mit diesem Kind erfuhr sie auch von dem Virus. Juliana hatte Aids und das hiess, das auch sie als Mutter Virusträger war. Sie fragte nicht wer sie infiziert hatte, es gab nur diese 2 Partner in ihrem Leben. Der Vater von Juliana weigerte sich einen HIV Test durchzuführen. Er posaunte in der Favela herum, das Edilaine Aids verseucht sei. Nun kam zu der schweren Last auch noch die Diskriminierung, nur wenige Freunde hielten zu ihr. Edilaine zog sich zurück, verweigerte sich ihrem Partner, verwies ihn der Wohnung. Doch immer wieder wurde sie von ihm aufgesucht, belästigt und eines Nachts kam er wieder verschaffte sich mit Gewalt Einlass und vergewaltigte sie. Schreien und um Hilfe rufen konnte sie nicht, sie hatte Angst um die schlafenden Kinder und so liess sie alles über sich ergehen.
Als sie dann merkte das sie wieder schwanger war brach sie endgültig zusammen. Zu allem Leid hatte sie auch noch ihre Arbeit verloren. Sie hatte keine Kraft mehr, der Gedanke noch ein Aidskrankes Kind zur Welt zu bringen war unerträglich. Immer wieder versuchte sie abzutreiben, gab ihr letztes Geld für dieses Vorhaben aus. Schliessendlich im 6. Schwangerschaftsmonat gab sie auf und beschloss das Kind zur Adoption freizugeben. Zu diesem Zeitpunkt lernte ich sie kennen. Ich verstand ihre Verzweiflung. Durch meine vielen Besuche und die intensive Aufklärung liess sie sich auf die Schwangerschaftsvorsorge ein. Sie nahm das notwendige Medikament AZT gewissenhaft ein um dem ungeborenen Kind die Chance zu geben nicht HIV positiv zu sein. Wir bereiteten alle notwendigen Papiere vor damit nach dem Kaiserschnitt gleich eine Sterilisation durchgeführt werden konnte. Die Wehen traten zu früh ein. In einer Blitzaktion konnten wir die anderen 4 Kinder im Kinderhaus vom Stern der Hoffnung unterbringen.
Am
11. September 2003 wurde Renan geboren, als 7 Monatskind. Er wog 2000 Gramm
und hatte so wie es aussah keine Schäden durch die vielen Medikamente
davongetragen.
Von Adoption wollte sie nichts mehr wissen.
Als ich die kleine Familie wieder in ihre Behausung zurückbrachte bot sich mir ein rührendes Bild. Nachbarn und Freunde hatten in der Hütte Ordnung geschaffen und bereiteten ihr einen schönen Empfang. Und nun sah ich auch was hinter dem traurigen Gesicht verborgen lag. Edilaine umarmte mich, lachte wirbelte ihre Kinder herum und rief voller Freude - Nun wird alles wieder gut –
Aber
es war noch nicht vorbei. Zwei Tage vor meiner Abreise nach Deutschland
mussten wir schnellstens eine Unterkunft für sie und die Kinder finden, da der
Ehemann von seinem Heimaturlaub nicht ins Gefängnis zurückgekehrt und vor der
Polizei flüchtig war.
Für Edilaine und die Kinder wurde es zu gefährlich in der Favela. Da er auch bei ihr gesucht wurde, war sie den unüberlegten Schiessereien , die in solche Situationen immer wieder vorkommen, ausgeliefert.
Ich konnte sie auf der ALIVI dem Mutter-Kind Werk vom Stern der Hoffnung unterbringen, wo sie auch heute noch mit ihren Kindern wohnt.
Schauen wir nicht oft auf die , die im Elend leben und sagen, die sind selber schuld, warum arbeiten sie nicht. Edilaine war bei den Arbeitern der ersten Stunde, hatte ihr tägliches Auskommen. Aber was war geschehen. Sie fiel immer weiter zurück und bald gehörte sie zu den letzten. Sollte sie nichts mehr bekommen?
Gott hat den Teufelskreis geöffnet, sie bekam Hilfe als die Not am grössten war.
Der Stern der Hoffnung unterstützt in Brasilien 4 Werke, die Aidskranke betreuen. Dazu gehört auch meine Arbeit, die häusliche Krankenpflege. Wir betreuen zur Zeit 56 Familien mit 69 Aidskranken, davon sind 13 Kinder.
Nimm das deine und gehe hin. Ich will aber dem letzten so viel geben wie dir.