Pfarrerin Kirsten Heibrock, Kurseelsorgerin, Bad Lippspringe
II. Reihe: 1. Korinther 9, 24-27
Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber
einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, daß ihr ihn erlangt. Jeder aber, der
kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen
Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs
Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt,
sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige
und selbst verwerflich werde.
(www.bibel-online.net)
Gnade und Friede sei mit euch von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus
Christus
Liebe Gemeinde,
an einem Ereignis werden wir in diesem Jahr, im Sommer, nicht vorbeikommen:
an den olympischen Spielen in Athen. Männer und Frauen aus aller Herren Länder
werden sich im sportlichen Wettkampf messen. Zuschauer in weit über 100
Ländern können die Spiele im Fernsehen verfolgen. Wir werden bekannte Athleten
wiedersehen und Namen kennenlernen, die uns jetzt noch ganz unbekannt sind.
Sportler und Sportlerinnen werden in Athen antreten, um ihr Land zu vertreten,
um zu zeigen, was sie gelernt, wie hart sie trainiert haben, und auch, um
berühmt zu werden. Sport und Wettkämpfe gibt es heute und es gab sie auch
damals, zu der Zeit, als Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Korinth
geschrieben, den wir eben in der Lesung gehört haben. Und ob wir aktiv Sport
treiben oder die Wettkämpfe im Fernsehen verfolgen: Bilder aus der Welt des
Sports können auch wir gut verstehen. Ich lese den Abschnitt aus dem Brief des
Paulus noch einmal, diesmal aus der Übersetzung der Guten Nachricht. Paulus
schreibt: Ihr wisst doch, dass an einem Wettlauf viele Läufer teilnehmen; aber
nur einer bekommt den Preis. Darum lauft so, dass ihr den Preis gewinnt!
Jeder, der an einem Wettlauf teilnehmen will, nimmt harte Einschränkungen auf
sich. Er tut es für einen Siegeskranz, der verwelkt. Aber auf uns wartet ein
Siegeskranz, der niemals verwelkt. Darum laufe ich wie einer, der ein Ziel
hat. Darum kämpfe ich wie einer, der nicht in die Luft schlägt.
Liebe Gemeinde, diese Bilder aus der Welt des Sports sind uns vertraut.
Zielstrebigkeit, Bereitschaft zur Anstrengung und Willen zur Leistung führen
bei Sportlerinnen und Sportlern oft zum Erfolg, zum Siegeskranz. Aber bei uns
Christen und Christinnen? Willen, Leistung, Kämpfen? Und dafür einen
unverwelklichen Siegeskranz? Ich glaube, dass letzte können wir noch am besten
verstehen. Von
einem Siegeskranz träumen wir und erhoffen ihn uns, auch wenn uns die Wortwahl
etwas fremd ist. Ein unverwelklicher Siegeskranz: Wir hoffen auf die Zuwendung
Gottes, die wir hier im Leben im Glauben erfahren und die uns eine Ahnung gibt
von dem, was wir am Ende unseres Lebens von Gott erwarten dürfen. Wir hoffen
auf die Zuwendung Gottes, die die endliche Zeit überdauert, uns auszeichnet
und ehrt; die unser Leben vollendet und ganz macht in der Hand Gottes. Eine
Zuwendung, die mir hier hilft, mein Leben zu bestehen. Das ist für mich der
Siegerkranz: das Geschenk von Gottes Liebe jetzt und einst. Und nun, liebe
Gemeinde, verbindet Paulus das Geschenk der Liebe Gottes mit Anstrengung und
Erfolg mit Zielstrebigkeit und Leistung. Einen Gedanken, der mir dazu kam,
möchte ich wenigstens ansprechen, auch wenn es nur sozusagen ein Nebengedanke
ist. Ich glaube, dass Paulus damit vielleicht ungewollt etwas anspricht, das
bei vielen von uns weiter verbreitet ist, als wir es selbst wahr haben wollen.
Tief in unserem hintersten Stübchen im Kopf sind wir ja doch oft davon
überzeugt, das uns die Liebe Gottes zusteht: weil wir so gute Menschen sind,
so hilfreiche Nachbarn, so liebevolle Eltern, so verständnisvolle Kolleginnen.
Weil wir viel leisten beim Wettkampf um Gottes Liebe. Wie klein machen wir
Gottes Liebe damit!! Diesen Gedanken möchte ich heute aber nicht vertiefen das
überlasse ich uns allen für eine stille Stunde.
Ich möchte jetzt darauf hinaus, dass oft tatsächlich Zielstrebigkeit und
Anstrengung im Glauben nötig sind. Nicht, um das Geschenk der Liebe Gottes zu
bekommen, sondern um es zu merken, zu spüren, zu erfahren. Denn ein Geschenk,
das ich bekomme, von dem ich aber gar nichts merke wie kann mir das helfen,
mein Leben zu leben? Ich frage also: Wie können Mühen und Zielstrebigkeit,
Anstrengung und der Wille zum Durchhalten uns das Geschenk von Gottes Liebe
erfahrbar machen?
Ich möchte dazu einen Blick in die Vergangenheit werden. Schon immer haben
Menschen sich bemüht, sich zu öffnen und bereit zu halten für Erfahrungen mit
Gott. Und immer hat sie das einen Teil ihrer Tagesund Lebenszeit gekostet,
Anstrengung und Konzentration und Zielstrebigkeit im Immer wieder versuchen.
Tägliches Einüben des Glaubens, das den Blick auf Gott und sein Geschenk
lenkt. In den Klöstern wurde die Arbeit immer wieder unterbrochen von
Gebetszeiten und Zeiten der Einkehr und Besinnung. In den Hausandachten des
letzten Jahrhunderts wurde an jedem Morgen durch Lesen der Bibel, durch Singen
und Beten ein Raum geschaffen, Gottes Liebe zu spüren. Ich will das nicht nur
idealisieren: sicher hat es dort auch oft Zwang und Strenge gegeben statt
Liebe und Geschwisterlichkeit. Aber nicht umsonst sind die alten
Tagzeitengebete an die Stellen des Tages gebunden, wo Menschen zusammenkommen,
um den Leib mit Essen und dann auch die Seele mit Nahrung zu versorgen. Und
der Zuspruch, den Klosterwochen und Einkehrtage heute wieder finden, lässt
hoffen, dass dort etwas von Gott zu spüren ist. Und wie gut würde es manchem
Menschen heute tun, wenn er morgens einen Menschen um sich hätte, der ihm eine
Hand voll Trost, Bestärkung und Hoffnung auf Gott mit in den Alltag geben
wollte!
Was heute von diesen alten Formen des sich täglich Einübens in den Glauben
geblieben ist, sind kleine, aber wichtige Gesten: Tischgebete zu den
Mahlzeiten, das Lesen der Losungen. Der Tag soll unter ein Wort Gottes
gestellt werden, das uns ermutigt, nachdenklich macht oder ermahnt. Und die
Tischgebete erinnern uns daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir
zu Essen haben. Ob Tischgebet, Morgenandacht, Gebet vor dem Schlafengehen mit
den Kindern all diese Formen, sich täglich um den Glauben zu bemühen, waren
und sind gute Hilfen, sich auf das Geschenk von Gottes Liebe zu besinnen und
zu erfahren. Es waren Stützen des Glaubens unserer Mütter und Väter. Glaube
braucht Nahrung und Ermutigung. Das sollten wir nicht zu gering achten. Das
tägliche Sichbesinnen auf Gottes Wort in guten und in schlechten Zeiten, hat
Menschen immer wieder zu einem getrösteten und gestärkten, hoffnungsvollen
Alltag verholfen. Das ist für mich der Wettlauf, an dem wir teilnehmen sollen.
Der Kampf gegen meine Bequemlichkeit, gegen mein "Dafür habe ich keine Zeit",
gegen unser "Das ist bei uns nicht mehr üblich". Zeit müssen wir mitbringen,
Beständigkeit und Zielstrebigkeit wie ein Sportler. Aber wir dürfen nicht auf
die Teilnahme an diesem Wettkampf verzichten. Es ist ein Wettkampf, den nicht
gegeneinander kämpfen, sondern miteinander. Das unterscheidet unseren
Wettkampf ganz deutlich von dem der Sportler. Christen und Christinnen üben
Glauben nicht nur allein, sondern vor allem in der Gemeinschaft, im
Gottesdienst, im Gespräch mit anderen, in gegenseitigen Trösten, Bestärken und
Erinnern an das Geschenk der Liebe Gottes.
Noch ein Gedanke zum Schluss, liebe Gemeinde: Es ist heute auch für die Kirche
als ganze ein Wettlauf gegen die Zeit geworden. Alte Übungsformen des Glaubens
sterben aus, und es kommen wenig neue hinzu. Gerade Kinder sind darauf
angewiesen, dass wir Erwachsene uns für ihren Glauben, der wachsen will, Zeit
nehmen und ihm eine Form geben. Wenn wir unseren Kindern keine Geschichten von
Gottes Liebe mehr mitgeben, wenn wir ihnen nicht zeigen, mit Gott zu reden wie
mit einem Freund, wenn wir ihnen nicht den Glauben an eine Wirklichkeit
mitgeben, die größer ist als wir, dann entlassen wir sie in ein Leben ohne
Gottvertrauen. Hier ist jeder Christ gefragt, als Mutter oder Vater, Opa, Oma,
Tante, Onkel, Erzieher oder Lehrerin. Und wir sind als Gemeinde gefragt,
Möglichkeiten zu schaffen und zu erhalten, wo Kinder glauben üben können in
den Formen unserer Zeit und in ihrer Sprache: in einem Konfirmandenunterricht,
der zeitgemäß ist. Im Kindergottesdienst, wo Kinder gemeinsam singen,
Geschichten hören und beten. In unserem evangelischen Kindergarten, der die
Kinder im Verlauf des Jahres vertraut macht mit Ostern und Weihnachten, mit
Tischgebeten und Erntedank. Das sind Orte, auf die wir als Gemeinde nicht
verzichten können und wollen. Denn: Glauben will geübt sein, damit er lebt im
Erfahren der Liebe Gottes. Amen