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Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Zielstrebigkeit und Leistung

 

Predigt zum Sonntag Septuagesimae, 8. Februar 2004

Pfarrerin Kirsten Heibrock, Kurseelsorgerin, Bad Lippspringe

II. Reihe: 1. Korinther 9, 24-27

Wißt ihr nicht, daß die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, daß ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.
(www.bibel-online.net)

 

Gnade und Friede sei mit euch von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus

Liebe Gemeinde,

an einem Ereignis werden wir in diesem Jahr, im Sommer, nicht vorbeikommen: an den olympischen Spielen in Athen. Männer und Frauen aus aller Herren Länder werden sich im sportlichen Wettkampf messen. Zuschauer in weit über 100 Ländern können die Spiele im Fernsehen verfolgen. Wir werden bekannte Athleten wiedersehen und Namen kennenlernen, die uns jetzt noch ganz unbekannt sind. Sportler und Sportlerinnen werden in Athen antreten, um ihr Land zu vertreten, um zu zeigen, was sie gelernt, wie hart sie trainiert haben, und auch, um berühmt zu werden. Sport und Wettkämpfe gibt es heute und es gab sie auch damals, zu der Zeit, als Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Korinth geschrieben, den wir eben in der Lesung gehört haben. Und ob wir aktiv Sport treiben oder die Wettkämpfe im Fernsehen verfolgen: Bilder aus der Welt des Sports können auch wir gut verstehen. Ich lese den Abschnitt aus dem Brief des Paulus noch einmal, diesmal aus der Übersetzung der Guten Nachricht. Paulus schreibt: Ihr wisst doch, dass an einem Wettlauf viele Läufer teilnehmen; aber nur einer bekommt den Preis. Darum lauft so, dass ihr den Preis gewinnt! Jeder, der an einem Wettlauf teilnehmen will, nimmt harte Einschränkungen auf sich. Er tut es für einen Siegeskranz, der verwelkt. Aber auf uns wartet ein Siegeskranz, der niemals verwelkt. Darum laufe ich wie einer, der ein Ziel hat. Darum kämpfe ich wie einer, der nicht in die Luft schlägt.

Liebe Gemeinde, diese Bilder aus der Welt des Sports sind uns vertraut. Zielstrebigkeit, Bereitschaft zur Anstrengung und Willen zur Leistung führen bei Sportlerinnen und Sportlern oft zum Erfolg, zum Siegeskranz. Aber bei uns Christen und Christinnen? Willen, Leistung, Kämpfen? Und dafür einen unverwelklichen Siegeskranz? Ich glaube, dass letzte können wir noch am besten verstehen. Von


einem Siegeskranz träumen wir und erhoffen ihn uns, auch wenn uns die Wortwahl etwas fremd ist. Ein unverwelklicher Siegeskranz: Wir hoffen auf die Zuwendung Gottes, die wir hier im Leben im Glauben erfahren und die uns eine Ahnung gibt von dem, was wir am Ende unseres Lebens von Gott erwarten dürfen. Wir hoffen auf die Zuwendung Gottes, die die endliche Zeit überdauert, uns auszeichnet und ehrt; die unser Leben vollendet und ganz macht in der Hand Gottes. Eine Zuwendung, die mir hier hilft, mein Leben zu bestehen. Das ist für mich der Siegerkranz: das Geschenk von Gottes Liebe jetzt und einst. Und nun, liebe Gemeinde, verbindet Paulus das Geschenk der Liebe Gottes mit Anstrengung und Erfolg mit Zielstrebigkeit und Leistung. Einen Gedanken, der mir dazu kam, möchte ich wenigstens ansprechen, auch wenn es nur sozusagen ein Nebengedanke ist. Ich glaube, dass Paulus damit vielleicht ungewollt etwas anspricht, das bei vielen von uns weiter verbreitet ist, als wir es selbst wahr haben wollen. Tief in unserem hintersten Stübchen im Kopf sind wir ja doch oft davon überzeugt, das uns die Liebe Gottes zusteht: weil wir so gute Menschen sind, so hilfreiche Nachbarn, so liebevolle Eltern, so verständnisvolle Kolleginnen. Weil wir viel leisten beim Wettkampf um Gottes Liebe. Wie klein machen wir Gottes Liebe damit!! Diesen Gedanken möchte ich heute aber nicht vertiefen das überlasse ich uns allen für eine stille Stunde.

Ich möchte jetzt darauf hinaus, dass oft tatsächlich Zielstrebigkeit und Anstrengung im Glauben nötig sind. Nicht, um das Geschenk der Liebe Gottes zu bekommen, sondern um es zu merken, zu spüren, zu erfahren. Denn ein Geschenk, das ich bekomme, von dem ich aber gar nichts merke wie kann mir das helfen, mein Leben zu leben? Ich frage also: Wie können Mühen und Zielstrebigkeit, Anstrengung und der Wille zum Durchhalten uns das Geschenk von Gottes Liebe erfahrbar machen?


Ich möchte dazu einen Blick in die Vergangenheit werden. Schon immer haben Menschen sich bemüht, sich zu öffnen und bereit zu halten für Erfahrungen mit Gott. Und immer hat sie das einen Teil ihrer Tagesund Lebenszeit gekostet, Anstrengung und Konzentration und Zielstrebigkeit im Immer wieder versuchen. Tägliches Einüben des Glaubens, das den Blick auf Gott und sein Geschenk lenkt. In den Klöstern wurde die Arbeit immer wieder unterbrochen von Gebetszeiten und Zeiten der Einkehr und Besinnung. In den Hausandachten des letzten Jahrhunderts wurde an jedem Morgen durch Lesen der Bibel, durch Singen und Beten ein Raum geschaffen, Gottes Liebe zu spüren. Ich will das nicht nur idealisieren: sicher hat es dort auch oft Zwang und Strenge gegeben statt Liebe und Geschwisterlichkeit. Aber nicht umsonst sind die alten Tagzeitengebete an die Stellen des Tages gebunden, wo Menschen zusammenkommen, um den Leib mit Essen und dann auch die Seele mit Nahrung zu versorgen. Und der Zuspruch, den Klosterwochen und Einkehrtage heute wieder finden, lässt hoffen, dass dort etwas von Gott zu spüren ist. Und wie gut würde es manchem Menschen heute tun, wenn er morgens einen Menschen um sich hätte, der ihm eine Hand voll Trost, Bestärkung und Hoffnung auf Gott mit in den Alltag geben wollte!

Was heute von diesen alten Formen des sich täglich Einübens in den Glauben geblieben ist, sind kleine, aber wichtige Gesten: Tischgebete zu den Mahlzeiten, das Lesen der Losungen. Der Tag soll unter ein Wort Gottes gestellt werden, das uns ermutigt, nachdenklich macht oder ermahnt. Und die Tischgebete erinnern uns daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir zu Essen haben. Ob Tischgebet, Morgenandacht, Gebet vor dem Schlafengehen mit den Kindern all diese Formen, sich täglich um den Glauben zu bemühen, waren und sind gute Hilfen, sich auf das Geschenk von Gottes Liebe zu besinnen und zu erfahren. Es waren Stützen des Glaubens unserer Mütter und Väter. Glaube braucht Nahrung und Ermutigung. Das sollten wir nicht zu gering achten. Das tägliche Sichbesinnen auf Gottes Wort in guten und in schlechten Zeiten, hat Menschen immer wieder zu einem getrösteten und gestärkten, hoffnungsvollen Alltag verholfen. Das ist für mich der Wettlauf, an dem wir teilnehmen sollen. Der Kampf gegen meine Bequemlichkeit, gegen mein "Dafür habe ich keine Zeit", gegen unser "Das ist bei uns nicht mehr üblich". Zeit müssen wir mitbringen, Beständigkeit und Zielstrebigkeit wie ein Sportler. Aber wir dürfen nicht auf die Teilnahme an diesem Wettkampf verzichten. Es ist ein Wettkampf, den nicht gegeneinander kämpfen, sondern miteinander. Das unterscheidet unseren Wettkampf ganz deutlich von dem der Sportler. Christen und Christinnen üben Glauben nicht nur allein, sondern vor allem in der Gemeinschaft, im Gottesdienst, im Gespräch mit anderen, in gegenseitigen Trösten, Bestärken und Erinnern an das Geschenk der Liebe Gottes.

Noch ein Gedanke zum Schluss, liebe Gemeinde: Es ist heute auch für die Kirche als ganze ein Wettlauf gegen die Zeit geworden. Alte Übungsformen des Glaubens sterben aus, und es kommen wenig neue hinzu. Gerade Kinder sind darauf angewiesen, dass wir Erwachsene uns für ihren Glauben, der wachsen will, Zeit nehmen und ihm eine Form geben. Wenn wir unseren Kindern keine Geschichten von Gottes Liebe mehr mitgeben, wenn wir ihnen nicht zeigen, mit Gott zu reden wie mit einem Freund, wenn wir ihnen nicht den Glauben an eine Wirklichkeit mitgeben, die größer ist als wir, dann entlassen wir sie in ein Leben ohne Gottvertrauen. Hier ist jeder Christ gefragt, als Mutter oder Vater, Opa, Oma, Tante, Onkel, Erzieher oder Lehrerin. Und wir sind als Gemeinde gefragt, Möglichkeiten zu schaffen und zu erhalten, wo Kinder glauben üben können in den Formen unserer Zeit und in ihrer Sprache: in einem Konfirmandenunterricht, der zeitgemäß ist. Im Kindergottesdienst, wo Kinder gemeinsam singen, Geschichten hören und beten. In unserem evangelischen Kindergarten, der die Kinder im Verlauf des Jahres vertraut macht mit Ostern und Weihnachten, mit Tischgebeten und Erntedank. Das sind Orte, auf die wir als Gemeinde nicht verzichten können und wollen. Denn: Glauben will geübt sein, damit er lebt im Erfahren der Liebe Gottes. Amen