Predigt zu Markus 4, 26-28
Es ist eine bäuerliche Idylle, die uns unser heutiger Predigttext vor Augen malt liebe Gemeinde.
Ein Mensch wirft Samen auf das Land, schläft, steht auf, Nacht und Tag; und
der Same geht auf und wächst.
Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach
den vollen Weizen in der Ähre.
Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin;
denn die Ernte ist da.
Eine bäuerliche Idylle aus längst vergangener Zeit, denn heute sieht die
Arbeit in der Landwirtschaft, im Agrarsektor, anders aus. Heute gehören
Bodenanalysen dazu, die Auswahl der richtigen Saat auf den passenden Boden,
Bodenverbesserung, Düngung, Pflanzenschutz ist immer wieder ein Thema, der
Kampf gegen unerwünschte Pflanzen, landläufig Unkraut genannt, gegen
Schädlinge, Pilze, Krankheiten.
Ich bin keine Fachfrau, deshalb nur diese Hinweise.
Aber ich bin überzeugt, auch die Bauern zur Zeit Jesu werden den Kopf
geschüttelt haben über Jesu doch etwas naive Sicht der Dinge. Auch sie mußten
in eine ertragreiche Ernte mehr Mühe und Arbeit investieren als nur das Säen
und Ernten.
Den Boden vorbereiten, pflügen oder hacken, säen, düngen, bewässern, Unkraut
hacken - mit säen, schlafen und aufstehen war es auch damals wahrlich nicht
getan.
(Schale mit Erde füllen, einsäen, bewässern, Warten)
Was hier gerade passiert ist die Erfahrung, die uns mit dem Bauern von vor
2000 Jahren und dem hochtechnisierten Agrarwirt unserer Zeit verbindet: wir
können allerlei tun, arbeiten, schaffen, aber das die Saat dann wirklich
wächst und wann und wie sie wächst, das liegt letztlich nicht in unserer Hand.
Der Umgang mit Saat und Ernte lehrt zu allen Zeiten, so denke ich, Geduld,
Gelassenheit, das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, Warten können und
anpacken, wenn die Zeit da ist.
Eine harte Zumutung für uns, die wir nach der Uhrzeit leben und nicht nach der Ereigniszeit.
Wenn der Evangelist Markus uns die Geschichte von dem Sämann und seiner Saat und Ernte überliefert, dann nicht als Lehrstück über die Landwirtschaft, noch nicht einmal als nur schöne Geschichte oder als allgemeine Lebensweisheit: Suche immer den Ausgleich zwischen Ruhe und Muße, zwischen Tun und Lassen können.
Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft...
Markus erzählt das Gleichnis Jesu als Geschichte vom Reich Gottes.
Die Herrschaft Gottes, Königsherrschaft Gottes, wie es im griechischen Text heißt, ist anders als die menschlichen Reiche, Herrschaften und Regierungen, die wir gewohnt sind und kennen. Die Macht Gottes ist unseren Blicken entzogen und wächst und wirkt zugleich. Sie ist alltäglich, wie die Saat auf den Äckern und ein genauso wichtiges Lebensmittel wie das Getreide, das dann geerntet wird.
Der ganze Sachverhalt vom selbst wachsenden Korn ist ja ein Gleichnis
dafür, dass das Eigentliche, das Wichtige im Verborgenen geschieht und doch
Wirkung zeigt. Das Reich Gottes liegt nicht im Jenseits, sondern ereignet sich
in dieser Welt. Es ist da, es geschieht und ist doch nicht zu fassen.
Gottes Reich kommt von ihm selbst, so schreibt Luther im Kleinen Katechismus.
Wie gut und wie beruhigend, dass nicht ich dafür verantwortlich bin, dass
Gottes Herrschaft beginnt. Oft haben Menschen den Versuch unternommen, den
Himmel auf Erden aufzurichten: Mit religiösen Gottesstaaten, mit in politische
Strukturen gegossenen sozialistischen Utopien, mit dem ganz persönlichen
Rückzug aus der Welt. Sie können und wollen nicht abwarten, dass das Reich
Gottes seinen eigenen Zeitplan hat.
Und doch können wir Menschen nur staunend die Zeichen des anbrechenden
Gottesreiches wahrnehmen, in unserem Alltag, im hier und im jetzt. Kleine
Zeichen, wie kleine Schößlinge, die im Frühjahr die Erde durchbrechen.
Beobachtungen, die ich für mich persönlich als Zeichen der anbrechenden
Gottesherrschaft sehen kann, die andere Menschen vielleicht übersehen, oder
denen sie keine Bedeutung beimessen. Die Frau, die zumindest einigen Menschen
in den Favelas von Sao Paulo Hilfe und Hoffnung bringt. Der Jugendliche, der
in dieser Gemeinde hilft, wo er gebraucht wird, obwohl das sicher die meisten
seiner Altersgenossen uncool finden.
Die Bereitschaft so Vieler, sich das Leid der Flutopfer zu Herzen zu nehmen. Die Menschen auch in dieser Gemeinde, die sich wie selbstverständlich umeinander kümmern, durch Besuche, Anrufe, Grüße.
Gottes Reich kommt von ihm selbst - aber ich bin eingeladen, daran mitzuarbeiten. Wie gut und wie beruhigend, dass ich nicht abseits stehen muss, untätig, sondern dass ich nach meinen eigenen Kräften, Fähigkeiten und Begabungen, die mir geschenkt sind, mitwirken kann. Amen