Evangelische Kirche Bad Lippspringe

Startseite / Predigten

Predigten und Andachten

 

Gottes Reich kommt von ihm selbst - aber ich bin eingeladen, daran mitzuarbeiten

Predigt am Sonntag Sexagesimae, 30. Januar 2005

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

Predigt zu Markus 4, 26-28

Es ist eine bäuerliche Idylle, die uns unser heutiger Predigttext vor Augen malt liebe Gemeinde.

Ein Mensch wirft Samen auf das Land, schläft, steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst.
Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.
Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Eine bäuerliche Idylle aus längst vergangener Zeit, denn heute sieht die Arbeit in der Landwirtschaft, im Agrarsektor, anders aus. Heute gehören Bodenanalysen dazu, die Auswahl der richtigen Saat auf den passenden Boden, Bodenverbesserung, Düngung, Pflanzenschutz ist immer wieder ein Thema, der Kampf gegen unerwünschte Pflanzen, landläufig Unkraut genannt, gegen Schädlinge, Pilze, Krankheiten.
Ich bin keine Fachfrau, deshalb nur diese Hinweise.
Aber ich bin überzeugt, auch die Bauern zur Zeit Jesu werden den Kopf geschüttelt haben über Jesu doch etwas naive Sicht der Dinge. Auch sie mußten in eine ertragreiche Ernte mehr Mühe und Arbeit investieren als nur das Säen und Ernten.
Den Boden vorbereiten, pflügen oder hacken, säen, düngen, bewässern, Unkraut hacken - mit säen, schlafen und aufstehen war es auch damals wahrlich nicht getan.

(Schale mit Erde füllen, einsäen, bewässern, Warten)

Was hier gerade passiert ist die Erfahrung, die uns mit dem Bauern von vor 2000 Jahren und dem hochtechnisierten Agrarwirt unserer Zeit verbindet: wir können allerlei tun, arbeiten, schaffen, aber das die Saat dann wirklich wächst und wann und wie sie wächst, das liegt letztlich nicht in unserer Hand.
Der Umgang mit Saat und Ernte lehrt zu allen Zeiten, so denke ich, Geduld, Gelassenheit, das Gefühl für den richtigen Zeitpunkt, Warten können und anpacken, wenn die Zeit da ist.

Eine harte Zumutung für uns, die wir nach der Uhrzeit leben und nicht nach der Ereigniszeit.

Wenn der Evangelist Markus uns die Geschichte von dem Sämann und seiner Saat und Ernte überliefert, dann nicht als Lehrstück über die Landwirtschaft, noch nicht einmal als nur schöne Geschichte oder als allgemeine Lebensweisheit: Suche immer den Ausgleich zwischen Ruhe und Muße, zwischen Tun und Lassen können.

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft...

Markus erzählt das Gleichnis Jesu als Geschichte vom Reich Gottes.

Die Herrschaft Gottes, Königsherrschaft Gottes, wie es im griechischen Text heißt, ist anders als die menschlichen Reiche, Herrschaften und Regierungen, die wir gewohnt sind und kennen. Die Macht Gottes ist unseren Blicken entzogen und wächst und wirkt zugleich. Sie ist alltäglich, wie die Saat auf den Äckern und ein genauso wichtiges Lebensmittel wie das Getreide, das dann geerntet wird.

Der ganze Sachverhalt vom selbst wachsenden Korn ist ja ein Gleichnis dafür, dass das Eigentliche, das Wichtige im Verborgenen geschieht und doch Wirkung zeigt. Das Reich Gottes liegt nicht im Jenseits, sondern ereignet sich in dieser Welt. Es ist da, es geschieht und ist doch nicht zu fassen.
Gottes Reich kommt von ihm selbst, so schreibt Luther im Kleinen Katechismus.

Wie gut und wie beruhigend, dass nicht ich dafür verantwortlich bin, dass Gottes Herrschaft beginnt. Oft haben Menschen den Versuch unternommen, den Himmel auf Erden aufzurichten: Mit religiösen Gottesstaaten, mit in politische Strukturen gegossenen sozialistischen Utopien, mit dem ganz persönlichen Rückzug aus der Welt. Sie können und wollen nicht abwarten, dass das Reich Gottes seinen eigenen Zeitplan hat.
Und doch können wir Menschen nur staunend die Zeichen des anbrechenden Gottesreiches wahrnehmen, in unserem Alltag, im hier und im jetzt. Kleine Zeichen, wie kleine Schößlinge, die im Frühjahr die Erde durchbrechen. Beobachtungen, die ich für mich persönlich als Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft sehen kann, die andere Menschen vielleicht übersehen, oder denen sie keine Bedeutung beimessen. Die Frau, die zumindest einigen Menschen in den Favelas von Sao Paulo Hilfe und Hoffnung bringt. Der Jugendliche, der in dieser Gemeinde hilft, wo er gebraucht wird, obwohl das sicher die meisten seiner Altersgenossen uncool finden.

Die Bereitschaft so Vieler, sich das Leid der Flutopfer zu Herzen zu nehmen. Die Menschen auch in dieser Gemeinde, die sich wie selbstverständlich umeinander kümmern, durch Besuche, Anrufe, Grüße.

Gottes Reich kommt von ihm selbst - aber ich bin eingeladen, daran mitzuarbeiten. Wie gut und wie beruhigend, dass ich nicht abseits stehen muss, untätig, sondern dass ich nach meinen eigenen Kräften, Fähigkeiten und Begabungen, die mir geschenkt sind, mitwirken kann. Amen