III. Reihe: Jesaja 30,8-17
Wir sehnen uns nach Trost, in diesen Tagen, liebe Gemeinde, nicht wahr?
Nach der Versicherung, die Verheißung von Weihnachten möge nicht so schnell
wieder in den Alltag übergehen, nach Linderung des großen Erschreckens über
das Seebeben und seine verheerenden Folgen gerade am 2. Weihnachtstag. Wir
sehen in den Medien: das tausendfache Sterben hat wieder einmal die eingeholt,
die doch sowieso nie auf der Sonnenseite des Lebens stehen würden: die
Menschen der südindischen Slums, die Bevölkerung von Sri Lanka und Sumatra,
die doch seit Jahren durch den Bürgerkrieg nicht zu Ruhe kommen, die Leute in
Thailand, die ihr Land, und nur allzu oft sich selbst an den Tourismus
verkaufen müssen, um durchzukommen.
Wir sehnen uns nach Trost, wollen mehr wissen, wollen verstehen, was
eigentlich geschehen ist und wie es geschehen konnte.
Und sind doch sprachlos vor Entsetzen angesichts der furchtbaren Nachrichten
und Bilder, angesichts des zehntausendfachen Sterbens, dem wir hilflos
gegenüberstehen.
Wir hoffen auf Worte des Lebens und doch hält der vorgeschlagene Predigttext
zunächst nur harte Worte der Anklage und des Gerichts bereit.
Jes 30,8-17
8 So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, daß es bleibe für immer und ewig.
9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Söhne, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN,
10 sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!« und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schauet, was das Herz begehrt!
11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Laßt uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«
12 Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verlaßt euch auf Frevel und Mutwillen und trotzet darauf,
13 so soll euch diese Sünde sein wie ein Riß, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt;
14 wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, so daß man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.
15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht
16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen«, - darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, - darum werden euch eure Verfolger überrennen.
17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.
Bitteres wird dem Propheten Jesaja vor mehr als 2600 Jahren aufgetragen. Um so
bitterer vielleicht, weil diese Worte damals den Finger in die Wunde legten
und weil sie auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist;
schauet, was das Herz begehrt! So die Aufforderung an die Propheten und
unbequemen Mahner.
Geht uns das heute anders? Ich denke, wir alle hören lieber von dem, was wir
uns wünschen und nicht davon, was wir fürchten.
Auch auf die starken Worte der Hoffnung, die Gott durch den Mund des Propheten
bereithält, will niemand hören, denn sie sind unangenehm: Wenn ihr umkehrtet
und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet
ihr stark sein.
Das gewünschte Prinzip, das Patentrezept, heißt: vorwärts auf Rossen und
Rennern, angesichts der Bedrohung durch die damaligen Großmächte: Aufrüstung
mit moderner Waffentechnik, nämlich den Kriegspferden und Kampfwagen.
Fast erinnert mich der Prophet Jesaja an unsere derzeitige Finanzsituation in
der Kirche: Technisch aufrüsten und durch, obwohl niemand so recht zu wissen
scheint, wohin wir auf unseren Rossen dahinfliehen. Und dabei nehmen wir, die
Institution Kirche, kaum noch wahr, dass für viele Menschen Glaube und
Religion wieder ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens wird, nehmen ihre Suche
nach den richtigen Fragen und versuchten Antworten nicht ernst.
Wir lieben es, aktiv zu sein, alles abzusichern, alles im Griff zu haben, auf
unsern Rössern Fortschritt und den Rennern Machbarkeit dahinzufliehen.
Schon sehr bald nach den ersten Meldungen der Flutkatastrophe waren da die
Stimmen der Experten, die uns erzählten: all das hätte verhindert werden
können durch klug installierte Frühwarnsysteme. Fazit: die betroffenen Länder
seien selbst schuld, wenn sie das technisch machbare nicht mitmachen.
Für mich hört sich das an, wie purer Zynismus. Wir Menschen schaffen es nicht,
Nahrungsmittel und Medikamente weltweit gerecht zu verteilen. In den meisten
der betroffenen Länder sterben Menschen an Unterernährung oder an im Prinzip
heilbaren Krankheiten. Viele haben nicht die Mittel ein menschenwürdiges
Auskommen, Überleben Tag für Tag zu finanzieren. Wer hat da den Kopf frei für
hoch technisierte Frühwarnsysteme, an deren Produktion, Installation und
Wartung die Länder der ersten Welt verdienen?
Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch
Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.
Gott ruft durch den Propheten Jesaja sicher nicht dazu auf, den Mund zu halten
und untätig zu bleiben.
Umkehren, stille sein und hoffen ist Herausforderung und harte Arbeit.
Es geht nicht darum, alles Machbare auch zu machen, schneller, höher, weiter
zu gelangen. Es geht darum, in der Stille die leisen Töne wahrzunehmen, die
Stimmen der Langsamen, Erniedrigten und zu Kurz gekommenen.
Und es geht darum, an diesem Ort des Elends, des Sterbens, der Verzweiflung,
Gott neu zu entdecken.
Amen