Evangelische Kirche Bad Lippspringe

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Predigten und Andachten

 

Umkehren, stille sein und hoffen

Predigt am Silvesterabend 2004

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

III. Reihe: Jesaja 30,8-17

 

Wir sehnen uns nach Trost, in diesen Tagen, liebe Gemeinde, nicht wahr?
Nach der Versicherung, die Verheißung von Weihnachten möge nicht so schnell wieder in den Alltag übergehen, nach Linderung des großen Erschreckens über das Seebeben und seine verheerenden Folgen gerade am 2. Weihnachtstag. Wir sehen in den Medien: das tausendfache Sterben hat wieder einmal die eingeholt, die doch sowieso nie auf der Sonnenseite des Lebens stehen würden: die Menschen der südindischen Slums, die Bevölkerung von Sri Lanka und Sumatra, die doch seit Jahren durch den Bürgerkrieg nicht zu Ruhe kommen, die Leute in Thailand, die ihr Land, und nur allzu oft sich selbst an den Tourismus verkaufen müssen, um durchzukommen.
Wir sehnen uns nach Trost, wollen mehr wissen, wollen verstehen, was eigentlich geschehen ist und wie es geschehen konnte.
Und sind doch sprachlos vor Entsetzen angesichts der furchtbaren Nachrichten und Bilder, angesichts des zehntausendfachen Sterbens, dem wir hilflos gegenüberstehen.
Wir hoffen auf Worte des Lebens und doch hält der vorgeschlagene Predigttext zunächst nur harte Worte der Anklage und des Gerichts bereit.


Jes 30,8-17
8 So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, daß es bleibe für immer und ewig.
9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene Söhne, die nicht hören wollen die Weisung des HERRN,
10 sondern sagen zu den Sehern: »Ihr sollt nicht sehen!« und zu den Schauern: »Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schauet, was das Herz begehrt!
11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! Laßt uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!«
12 Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verlaßt euch auf Frevel und Mutwillen und trotzet darauf,
13 so soll euch diese Sünde sein wie ein Riß, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt;
14 wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerstößt ohne Erbarmen, so daß man von seinen Stücken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser schöpfe aus dem Brunnen.
15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht
16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen«, - darum werdet ihr dahinfliehen, »und auf Rennern wollen wir reiten«, - darum werden euch eure Verfolger überrennen.
17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.


Bitteres wird dem Propheten Jesaja vor mehr als 2600 Jahren aufgetragen. Um so bitterer vielleicht, weil diese Worte damals den Finger in die Wunde legten und weil sie auch heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben.
Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schauet, was das Herz begehrt! So die Aufforderung an die Propheten und unbequemen Mahner.
Geht uns das heute anders? Ich denke, wir alle hören lieber von dem, was wir uns wünschen und nicht davon, was wir fürchten.
Auch auf die starken Worte der Hoffnung, die Gott durch den Mund des Propheten bereithält, will niemand hören, denn sie sind unangenehm: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.
Das gewünschte Prinzip, das Patentrezept, heißt: vorwärts auf Rossen und Rennern, angesichts der Bedrohung durch die damaligen Großmächte: Aufrüstung mit moderner Waffentechnik, nämlich den Kriegspferden und Kampfwagen.
Fast erinnert mich der Prophet Jesaja an unsere derzeitige Finanzsituation in der Kirche: Technisch aufrüsten und durch, obwohl niemand so recht zu wissen scheint, wohin wir auf unseren Rossen dahinfliehen. Und dabei nehmen wir, die Institution Kirche, kaum noch wahr, dass für viele Menschen Glaube und Religion wieder ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens wird, nehmen ihre Suche nach den richtigen Fragen und versuchten Antworten nicht ernst.
Wir lieben es, aktiv zu sein, alles abzusichern, alles im Griff zu haben, auf unsern Rössern Fortschritt und den Rennern Machbarkeit dahinzufliehen.
Schon sehr bald nach den ersten Meldungen der Flutkatastrophe waren da die Stimmen der Experten, die uns erzählten: all das hätte verhindert werden können durch klug installierte Frühwarnsysteme. Fazit: die betroffenen Länder seien selbst schuld, wenn sie das technisch machbare nicht mitmachen.
Für mich hört sich das an, wie purer Zynismus. Wir Menschen schaffen es nicht, Nahrungsmittel und Medikamente weltweit gerecht zu verteilen. In den meisten der betroffenen Länder sterben Menschen an Unterernährung oder an im Prinzip heilbaren Krankheiten. Viele haben nicht die Mittel ein menschenwürdiges Auskommen, Überleben Tag für Tag zu finanzieren. Wer hat da den Kopf frei für hoch technisierte Frühwarnsysteme, an deren Produktion, Installation und Wartung die Länder der ersten Welt verdienen?
Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.
Gott ruft durch den Propheten Jesaja sicher nicht dazu auf, den Mund zu halten und untätig zu bleiben.
Umkehren, stille sein und hoffen ist Herausforderung und harte Arbeit.
Es geht nicht darum, alles Machbare auch zu machen, schneller, höher, weiter zu gelangen. Es geht darum, in der Stille die leisen Töne wahrzunehmen, die Stimmen der Langsamen, Erniedrigten und zu Kurz gekommenen.
Und es geht darum, an diesem Ort des Elends, des Sterbens, der Verzweiflung, Gott neu zu entdecken.
Amen