Liebe Gemeinde,
Geduld- haben Sie die? Sind Sie geduldig, oder Sie, oder Sie?
Können Sie gut warten, das Verstreichen von Zeit ertragen, bis Sie bekommen,
worauf Sie warten?
Im Briefabschnitt des Paulus an die Gemeinde in Rom geht es um Warten: um
Warten -Müssen- Warten-Können, um Geduld.
Ich lese aus dem 8. Kapitel:
Denn ich bin überzeugt, daß dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, daß die Kinder Gottes offenbar werden.
Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit - ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung;
denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.
Denn wir wissen, daß die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes.
Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.
Harren, Sehnen, Hoffnung, und zum Schluss: Geduld- liebe Gemeinde.
Warten auf die Herrlichkeit, Sehnen nach Erlösung, Hoffnung auf Freiheit als
Kinder Gottes- und zum Schluss: Geduld.
Können wir einstimmen in diese Reihenfolge? Ich glaube, dass unser Ja dazu
nicht zu schnell kommen sollte. Denn über der Geduld von Christen und
Christinnen liegt ja oft der Geruch von Fatalismus, der Vorwurf, die Hände in
den Schoss zu legen und auf bessere Zeiten einfach nur zu warten.
„Vertröstung auf das Jenseits“- das ist dem Christentum oft vorgeworfen
worden, und manches Mal sicher nicht zu Unrecht.
Und so verführt der erste Satz des Paulus ja fast schon dazu: Ich bin
überzeugt, daß dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der
Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.
Allein genommen, kann das ein schrecklicher Satz sein! Dein Leiden hier ist
unwichtig: Sagen Sie das mal jemandem, der an Krebs erkrankt ist. Sagen Sie
das mal jemandem, der seine Arbeit verloren hat! Sagen Sie das mal jemandem,
der einen Menschen an den Tod hergeben musste!
Das Hier und Jetzt fällt nicht ins Gewicht. Das Später, das dereinst
entscheidet. Also: Seid nur geduldig!
Aber was Paulus danach beschreibt, ist eben nicht das Bild eines wunderbaren
Jenseits, das aller Hier und Heute unwichtig macht- im Gegenteil.
Paulus zeichnet ein Bild des Lebens, das wir alle nachfühlen können, weil wir
es alle schon erlebt haben: unser Leiden daran, dass die Welt ist, wie sie ist
und wir in ihr- mit Angst, mit Krankheit, mit Vergänglichkeit, bis hin zum
Ende, zum Tod. Das ist auch unser Leben, das Paulus beschreibt- Sie wissen es
selbst.
Und die Geduld, liebe Gemeinde? Brauchen wir sie denn nur, um unser Leben
hier- noch ein Weilchen- ertragen zu können?
Wenn ich für mich ganz ehrlich sein soll: Sicher auch. Mein Glaube daran, dass
am Ende der Zeit ein Gott da ist, der eine Wohnung für mich hat, der alle
Tränen abwischen wird, ist in ganz dunklen Stunden das, worauf ich in dunklen
Stunden als einziges noch bauen kann- in Hoffnung und Geduld.
Aber in helleren Momenten- und die gibt es ja auch- da weiss ich: Christliche
Geduld ist mehr als das.
Christliche Geduld dient auch dem Leben hier und jetzt, der Welt und unseren
Kindern: sie ist nicht untätig und vertröstend, sie handelt und tröstet
selbst. Sie ist Kraft zum Handeln, zum Aufstehen und Widerstehen.
Haben Sie die Evangeliumslesung noch im Ohr, liebe Gemeinde? Bestimmt, denn
die Vorstellung von einem Weltgericht lasst wohl niemanden unberührt. Dort
wird nämlich, am Ende der Zeiten, der Blick gerichtet auf unser Tun und Lassen
hier und Jetzt. Die Blickrichtung wird sozusagen gewechselt. Und das gehört
auch zu unserem Glauben: dass unser Tun und Lassen, unser Handeln, nicht
beliebig ist.
„Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig
gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen, und
ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet.
Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis
gewesen, und ihr seid zu mir gekommen“.
Das ist auch Geduld, zupackende, christliche Geduld: immer wieder Hungrige zu
speisen, Fremde aufzunehmen, Arme zu kleiden, Kranke zu trösten, Gefangene zu
besuchen. Immer wieder, und immer wieder neu.
Wir werden als Einzelne vor Gott gefragt, und wir werden als Gemeinde und
Kirche gefragt: wir werden gefragt nach unserer Geduld bei Schuldnerberatung
und bei unseren diakonischen Einrichtungen. Wir werden nach unserer Geduld
beim Umgang mit Fremden gefragt und unserem Einsatz für Integration von
ehemaligen Straftätern.
Die oekumenische Friedensdekade hat sich dieses Jahr besonders der
Menschenrechte angenommen: ihrer politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Seite. Kirche und Menschenrechte- das muss zusammengehören. „Recht ströme wie
Wasser“, das ist die Überschrift dabei.
„Recht ströme wie Wasser“: das geschieht mit Gottes Hilfe, mit Hoffnung und
zupackender Geduld.
Zu Beginn der Predigt habe ich Sie gefragt: Haben Sie Geduld?
Und jetzt am Schluss sage ich zu Ihnen: Ja, wir haben Geduld, weil wir
Hoffnung haben.
Wir haben Hoffnung darauf, dass Gottes Reich kommt- dereinst in voller
Herrlichkeit, und jetzt immer wieder aufscheinend in allem Sehnen und Seufzen,
allem Trost und getrockneten Tränen.
Wir haben Hoffnung, dass das Recht strömt wie Wasser, jetzt als Bächlein,
dereinst als fruchtbare Flut.
Und so gilt auch: Wir haben Hoffnung, weil wir Geduld haben: Geduld, Leiden zu
tragen, unseres und das der anderen;
Geduld, immer wieder unsere Stimme zu erheben gegen Unrecht und Gewalt, als
einzelne Christen und Christinnen und als Kirche, bei uns und in der Welt.
Wir haben Geduld, weil Gott mit uns Geduld hat. Und wir haben Hoffnung, weil
am Ende und jetzt Gott unsere Hoffnung ist. Amen