Predigt zum Karfreitag 2003
Antje Lütkemeier, Pfarrerin Bad Lippspringe.
Johannes 19, 16-30:
Kreuzigung und Tod
16 Sie nahmen aber Jesum und führten ihn ab.
17 Und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte,
die da heißt Schädelstätte, welche heißt auf hebräisch Golgatha.
18 Allda kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu
beiden Seiten, Jesum aber mitteninne.
19 Pilatus aber schrieb eine Überschrift und setzte
sie auf das Kreuz; und war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden
König.
20 Diese Überschrift lasen viele Juden; denn die
Stätte war nahe bei der Stadt, da Jesus gekreuzigt ward. Und es war
geschrieben in hebräischer, griechischer und lateinischer Sprache.
21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus:
Schreibe nicht: "Der Juden König", sondern daß er gesagt habe: Ich bin
der Juden König.
22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das
habe ich geschrieben.
23 Die Kriegsknechte aber, da sie Jesus gekreuzigt
hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile, einem
jeglichen Kriegsknecht ein Teil, dazu auch den Rock. Der Rock aber war
ungenäht, von obenan gewirkt durch und durch.
24 Da sprachen sie untereinander: Laßt uns den nicht
zerteilen, sondern darum losen, wes er sein soll. (Auf daß erfüllet
würde die Schrift, die da sagt: "Sie haben meine Kleider unter sich
geteilt und haben über meinen Rock das Los geworfen.") Solches taten
die Kriegsknechte.
25 Es stand aber bei dem Kreuze Jesu seine Mutter und
seiner Mutter Schwester, Maria, des Kleophas Weib, und Maria
Magdalena.
26 Da nun Jesus seine Mutter sah und den Jünger
dabeistehen, den er liebhatte, spricht er zu seiner Mutter: Weib,
siehe, das ist dein Sohn!
Kap 13,23
27 Darnach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das
ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu
sich.
28 Darnach, da Jesus wußte, daß schon alles vollbracht
war, daß die Schrift erfüllt würde, spricht er: Mich dürstet!
Ps 22,16
29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten
einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Isop und hielten es
ihm dar zum Munde.
Ps 69,22
30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach
er: Es ist vollbracht! und neigte das Haupt und verschied.
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Karfreitag, liebe Gemeinde, wer heute hier sitzt, weiß, was
zu erwarten ist. Der Bericht von Jesu Sterben und Tod. Gefoltert,
hingerichtet, tot. Das Johannesevangelium schildert den Vorgang von vor
2000 Jahren. Aber es ist kein Gerichtsprotokoll des religiösen
Gerichtshofes: Angeklagt wegen Gotteslästerung: Niemand hat das Recht, in
göttlicher Vollmacht zu reden abseits der religiösen Hierarchie. So muss
man es der Besatzungsmacht schmackhaft machen, diesen Jesus loszuwerden.
Und es ist kein Militärbericht der Römer. Einer der vielen Hingerichteten
war eben ein Jesus, Sohn des Josef aus Nazareth - das interessierte
niemanden. Interessant war: ein Aufrührer weniger, einer weniger, der mit
der Behauptung „König der Juden“ zu sein, die politische Unruhe schürte in
der Provinz Palästina, der Besatzungsmacht Scherereien bereiten könnte.
Johannes schreibt aber auch nicht für Fremde, die zum ersten Mal von
diesem Jesus hören - er predigt den Eingeweihten, er deutet,
interpretiert, erklärt, was doch eigentlich unerklärlich scheint: Jesus,
die Hoffnung, stirbt am Kreuz.
Warum? Für unsere Sünden gestorben. So haben wir das alle einmal gelernt.
Oder poetischer ausgedrückt: Ach, meine Sünden haben dich geschlagen; ich
mein Herr Jesus, habe dies verschuldet, was du erduldet.
So haben wir das
eben gesungen.
Gott opfert seinen Sohn, damit wir von der Sünde befreit werden. Der
Gedanke des stellvertretenden Opfers ist gut bekannt.
Aber warum das? Haben Sie das gewollt? Ich nicht. Und ich kenne viele
Eltern die sagen: lieber ich muss Schmerzen, Qualen und Leiden auf mich
nehmen, als dass meinem Kind auch nur ein Haar gekrümmt wird. Oder sind
das zu menschliche Maßstäbe mit denen wir Gott eben nicht messen können?
Was ist das für ein Gott, der Blut sehen will? Ein unerträglicher Gedanke
ist das. Das ist nicht das Bild, das ich von ihm in meinem Herzen trage.
Vielleicht ist es aber gerade deshalb so unerträglich, weil wir tagtäglich
damit leben. Unser Gerechtigkeitssinn protestiert zwar dagegen, dass ein
anderer für uns leidet, aber wir sind und bleiben trotzdem die Nutznießer
dieses Systems. Und das nicht nur theologisch gesehen und auf den Tod Jesu
bezogen, sondern hochaktuell in unserem Alltag!
Der Kontext hat sich vielleicht geändert, doch der Satz ist aktueller denn
je!
Die Natur leidet für uns. Boden, Luft, Wasser, Pflanzen und Tiere werden
ausgebeutet als Rohstoff ist für die Industrie, die unser Leben bequemer
machen will.
Auch Menschen leiden für uns. Denn die Produkte müssen billiger werden,
und das ist nur zu machen, wenn die Produktion in die dritte Welt
ausgelagert wird. Das ein 5-Euro-T-shirt nur die Ausbeutung fördert, fällt
schon gar nicht mehr auf. Wir haben die Beziehung zu unseren Mitmenschen
verloren, und deswegen wird für uns gelitten.
Jesus ist für uns gestorben. Aber hat sich was verändert im Umgang des
Menschen mit seiner Mitwelt? Es wird nach wie vor für uns gelitten. Es ist
nicht die Vergangenheit, es ist unsere Gegenwart.
Und ich fürchte 2000 Jahre Theologie mit dem Konzept des stellvertretenden
Opfers hat dazu beigetragen, die weltweite Ungerechtigkeit salonfähig zu
machen!
Menschen haben Christus getötet, weil er nicht in ihre Machtpolitik
passte.
Jesus ist gestorben, damit die Sünde keine Macht mehr hat.
Gott ist gestorben, damit nicht mehr das Trennende das Sagen hat in der
Welt, sondern das, was verbindet. Denn das ist die Sünde, eine
unüberwindbare Trennung. Dort am Kreuz trennte Gott nichts mehr von dem
Menschen. Er schrie, weil er fürchterliche Schmerzen hatte. Wie die
anderen zwei links und rechts. Er blutete. Wie die anderen zwei links und
rechts. Er starb. Wie die anderen zwei links und rechts.
Es gibt kein Elend mehr auf dieser Welt, in das Gott nicht hinabreichte!
Es ist merkwürdig, aber mit dem Bericht der Kreuzigung schreibt Johannes
weder ein Gerichtsprotokoll noch einen Militär-Rapport. Er schreibt eine
Trostbotschaft. Gott ist hier, er thront nicht über den Himmeln. Gott ist
an eurer Seite. Eine Botschaft, die die Menschen dringend brauchen, zur
Zeit des Johannes und heute. Amen
Und der Geist Gottes, der größer ist als unsere Vorstellungskraft, sei uns
Stärke und Hilfe zu allem Guten und bewahre uns in Gottes Liebe. Amen.
(Bibeltext bei
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