Der ungläubige Thomas

Predigt zum Sonntag QUASIMODOGENITI - 27.4.03 - Neuenbeken / Bad Lippspringe I.Reihe: Johannes 20, 19-29

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

 

Von zwei Sorten Jüngern haben wir eben im Evangelium gehört, liebe Schwestern und Brüder, von allen denen, die dabei waren, als Jesus sich als der Auferstandene zeigte, das sagte, was ich zu Beginn jeder Predigt sage: „Friede sei mit euch!“ Zum Zeichen, dass er es wirklich sei, auch kein Geist und kein anderer, zeigte er seine Nägelmale und seine Wunde in der Seite, dort, wo sie ihn mit der Lanze durchstoßen hatten. Kein Zweifel: Das war Jesus. Das war der, der vor ihren Augen am Kreuz gestorben war - der jetzt aber wieder lebte, der auferstandenen war von den Toten.

 

Die andere Sorte Jünger heißt Thomas. Eigentlich kann einer allein gar keine Gruppe sein, doch in diesem Fall geht das schon. Nun heißt ja auch „Thomas“ auf deutsch: Zwilling. Er ist als der „ungläubige Thomas“ in die Geschichte eingegangen. Doch so ungläubig war der gar nicht - aber dazu später. Zunächst gehört er zu der Gruppe, die nicht dabei war, als Jesus als der Auferstandene erschien. Und deshalb hat Thomas seine Zweifel, ob das denn wirklich alles so stimmt mit dieser Auferstehungs-Geschichte. Er beschließt: „Erst wenn ich meine Finger in die Wundmale dieses Mannes lege, kann ich auch glauben.“

 

8 Tage später erscheint Jesus erneut - dieses Mal ist Thomas dabei. Nun glaubt er - felsenfest. Aber Jesus hat kein Lob für ihn: „Weil du mich gesehen hast, Thomas, darum glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“

 

2 Gruppen von Jüngern. Zu welcher gehören wir? Jedenfalls nicht zur ersten - denn wer war schon dabei, als der Auferstandene leibhaftig erschienen ist?  Ganz bewußt wird diese Geschichte so aufgebaut, dass wir alle als Thomas angesprochen werden. Wir gehören zum Zwilling, zu den vielen, die - einfach weil sie viel später geboren sind - bei der leibhaftigen Auferstehung nicht dabei waren. Und die es deshalb auch viel schwerer haben, der Geschichte Glauben zu schenken, dass Jesus wirklich nicht mehr bei den Toten ist.

 

Bringen wir nicht schon den Kindern bei, dass sie nicht alles glauben sollen, was erzählt wird. Die beiden Geschwister in Eschweiler haben geglaubt, dass die beiden Männer, die sie in ihr Auto zogen, Zivil-Polizisten waren, aber die sie nur quälen und töten wollten. „Die Polizei empfiehlt dringend, dass die Eltern ihren Kindern beibringen müssen, gar nichts zu glauben“ hörte ich im Radio. Geschichten von Erscheinungen, von überirdischen Flüchen, vom Tischerücken und Geisterbeschwören pflege ich mit großer Skepsis zu begegnen, weil der menschliche Geist so leicht verführbar ist, sich so schnell sicher ist zu glauben, war man gerne glauben möchte. Insofern verstehe ich den Thomas gut, wenn er erst einmal  mit gesundem Menschenverstand anzweifelt, was da erzählt wird.

 

Also, gut, dass es den Thomas gibt? Gut auf jeden Fall, dass uns hier - wie an vielen anderen Stellen der Bibel - der Zweifel ausdrücklich erlaubt ist. Der Zweifel ist eben kein Zeichen von fehlendem Glauben, im Gegenteil: Wer zweifelt, will glauben, ist auf dem Weg dahin, aber braucht noch Hilfe, dass der Glaube zum Durchbruch gelangt, dass die Tür, durch die bisher nur ein schwacher Lichtstrahl gelangt ist, ganz geöffnet wird. Absolute Sicherheit ist dagegen ein Zeichen von Unglaube - so sagt es Martin Luther. Wer meint, Gott beweisen zu können, so wie man beweisen kann, dass die Erde eine Kugel und eins und eins zwei ist - der verkennt das Wesen des Glaubens. Der meint, glauben zu können brauche kein Vertrauen, keine persönliche Beziehung - das könne man verlangen und erlernen. Von dieser Sicht des Glaubens bis hin zum gotteslästerlichen Fanatismus ist nur ein kleiner Schritt.

 

Thomas ist einer von uns. Er hört eine Geschichte. Vielleicht möchte er ja die überwältigende, glückselig machende Erfahrung der anderen teilen - aber sein Verstand sagt: Das kann doch alles gar nicht wahr sein! Doch Thomas gibt nicht auf. Er will ja glauben. Er sucht nach einem Weg. Er wartet, baut auf die Zukunft. Vielleicht gibt es ja noch ein nächstes Mal, dass sich diese Erscheinung wiederholt. Dass da einer durch verschlossene Türen kommt und glaubwürdig versichern kann, er sei Jesus. Dann will er dabei sein - und dann will er mit Herzen, Mund und Händen spüren und begreifen: Jesus lebt.

 

Das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu ist jetzt die folgende: Jesus kommt ein zweites Mal. Bei Jesus gibt es immer ein zweites Mal. Er geht ja auf die Zweifel der Menschen ein, zeigt sich. Und er kommt bald. Was sind schon 8 Tage für einen Menschen, der auf das Kommen Gottes wartet. Oft ist diese Zeit viel, viel länger. Jesus kommt und zeigt sich unmißverständlich und ganz besonders dem Thomas.

 

Übrigens verhält sich Jesus damit ganz unpädagogisch. Er belehrt nicht erst seinen Schüler über die richtige Haltung ihm gegenüber und belohnt ihn bei richtigem Verhalten, sondern Jesus handelt zuerst und von sich aus, ohne nach richtig oder falsch zu fragen. Und die Antwort des Thomas ist gar keine Frage mehr: Er, der doch schon ein fast Gläubiger war, der macht natürlich jetzt den letzten Schritt und bekennt: „Ja, du bist mein Herr, mein Gott - ich glaube an dich, du bist wahrhaftig auferstanden!“

 

Thomas ist kein Ungläubiger. Er ist wie wir. Es ist schwer, „nicht zu sehen und doch zu glauben.“ Sicher, selig, wer das kann - aber wer alles glaubt, was er nicht sieht, ist ein bedauernswerter Trottel.

 

„Gott gebe uns die Kraft, an alles zu glauben, was Gottes Wort uns verheißt, den Mut, alles abzulehnen, was Aberglaube und leere Versprechungen sind und die Weisheit, das eine vom anderen zu trennen.“ Meine Variante eines alten Spruches. Auch der Zweifel ist eine Gabe Gottes. Der Zweifel als erlaubte Durchgangs-Station zum Glauben. Zum Durchblick durch die geöffnete Tür ins Land der Freiheit, in dem Milch und Honig fließen. Den Durchgang muss ein anderer schaffen, die Tür ein anderer öffnen.

 

In der Vorbereitung dieser Predigt las ich den Satz: „Beweise sind dem Glauben nicht nur entbehrlich, sie müssten ihn sogar verderben.“ [Voigt]  Erst dachte ich: ein schwerer Satz. So ein paar kleine Beweise machten es mir doch leichter, für den Glauben zu werben, besonders bei den Konfirmanden vielleicht oder den Naturwissenschaftlicher oder anderen professionellen Alles-Anzweiflern. Aber meine Gedanken blieben daran hängen: „Beweise müssten den Glauben sogar verderben.“ Was den Glauben so einzigartig, so spannend macht - im Gegensatz zu eindeutigen Wissen - was sein besonderer Charme ist, dass ist doch, dass es niemals beweisbare Fakten gibt - und dass deshalb immer das Vertrauen, die Glaubwürdigkeit von Geschichten und Personen notwendig sein werden. Im nächsten Satz in meiner Predigtliteratur ist von der Liebe die Rede - auch in der Liebe gibt es keine letztgültigen Sicherheiten und Beweise - wo sie gefordert werden, ist dies geradezu das Kennzeichen, dass die Liebe nicht mehr da ist. Bereitschaft, sich auf einen anderen einzulassen, gleichgültig, was geschieht - das braucht viel Vertrauen, viel Mut. Aber das macht die Liebe wie den Glauben gerade dadurch einzigartig. Beweise und Sicherheiten würden alles zerstören.

 

Wir teilen alle das Los des Thomas. Niemand von wird je dabei gewesen sein, wenn Jesus seine Wundmale zeigt. Das ist auch ein Trauerprozess, sich dies klar zu machen: Jesus ist wirklich gestorben, er kommt nicht einfach so wieder. Er hat die Tür erst einmal zu gemacht. Wir sind allein und müssen alleine fertig werden.

 

Aber bei Jesus gibt es immer noch ein zweites Mal. Keine Tür, die verschlossen scheint, bleibt verschlossen. Er nimmt uns Zweifelnde bei der Hand und zeigt uns die offene Tür. Schau hin: „Spüre den Duft eines feuchten Waldes? Wie schön ist das Leben. - Höre hin, wie die Sterbende mit kräftiger Stimme das Vaterunser betet, weil sie Mut hat, loszulassen und in eine neue Welt hinüberzugehen. - Sieh den Dank des Verschuldeten, dem die Kirchengemeinde, die Diakonie finanziell geholfen hat: Jetzt glaube ich wieder, dass es einen Gott gibt. - Schau auf die Krankenschwester, die ihren Job aufgibt, um Aids-Kranken in Brasilien zu helfen.  - Mach deine Ohren auf, wenn ein junger Mann in einer Konfirmandengruppe von seinen eigenen Erfahrungen spricht, den Trost, den er im Glauben findet und man spürt die Anteilnahme der Jugendlichen, die beeindruckt sind.

 

Jesus öffnet jedem zweifelnden Thomas täglich neu die Tür, nimmt ihn an der Hand: Sehe, höre, rieche, schmecke und fühle - ich lebe: und du sollst auch leben. Auf dich warten alle Wunder der Welt. Hab Vertrauen.

Glaube nur.

 

Amen.  

 

 

Fürbittgebet

 

Gott, die Türen hier werden gleich geöffnet, und ich gehe hinaus.

Ich habe mir eine Stunde Zeit genommen, um zu hören und um nachzudenken. Manches tut mir gut, manches wühlt mich auf. Manches konnte ich hier lassen, aber manches nehme ich auch mit nach Hause. Darum bitte ich dich: Dass ich nicht vergesse, warum ich hier bin.

 

Gott, die Türen hier werden gleich geöffnet, und ich gehe hinaus.

Die Welt wartet auch mich, Ich weiss nicht, was heute noch passiert, aber dem will ich mich stellen. Darum bitte ich dich: gib mir Kraft dafür.

 

Gott, die Türen hier werden gleich geöffnet, und ich gehe hinaus.

Da sind Widersprüche und Gedanken, die an mir zerren werden. Geheimnisvolles, das mich lockt, Unauflösliches, das mich ärgert. Darum bitte ich dich: Lass mich das aushalten und ertragen.

 

Gott, die Türen hier werden gleich geöffnet, und ich gehe hinaus.

Dein Sohn Jesus ist mein Bruder geworden, denn er ist auferstanden in mein Leben hinein. Täglich zeigt er mir seine Wundmale und lädt mich ein, sie zu berühren. Darum bitte ich: Öffne mir die Sinne, dass ich begreife, wo Jesus sich zeigt.

 

Gott, die Türen hier werden gleich geöffnet, und ich gehe hinaus.

Werde ich glücklich sein? Ist das so einfach? Was ist mit denen, die wirklich unglücklich sind, krank oder einsam? Darum bitte ich: Dass ich nicht resigniere, sondern erkenne, wo ich selbst gefragt bin.

 

(Fürbitten WLP 2/2003)

 

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27. April 2003

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