...dass es nicht ewig so weiter geht
Von Ulf Herrmann
stud.theol. 7.Semester, noch Bonn, dann München; macht z.Z. ein
6-wöchiges Gemeindepraktikum in unserer Kirchengemeinde.
Predigt über Mk 12, 1-12 (I. Reihe), 16.03.03 (Reminiscere) in
Neuenbeken und Bad Lippspringe
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
sie haben vorhin richtig gehört, dieses Gleichnis von den ungetreuen
Weinpächtern, das steht tatsächlich in der Bibel. Mag man das für möglich
halten? Solche Worte voller Grausamkeit und Wahn, voller Trauer, voller
Ohnmacht. Worte, die so schauerlich und bedrückend sind, daß man sie gar
nicht erst predigen und am liebsten überlesen möchte. Solche Worte in
einem Buch, das von sich aus den Anspruch erhebt, ein Buch des Friedens
und ein Buch der Weisung zu sein. Das irritiert zunächst und läßt uns
aufhorchen – und das ist auch gut so! Man kommt deshalb nicht umhin, zu
fragen, ob Jesus diese Worte selbst gesagt haben mag oder ob sie ihm von
den ersten Christen in den Mund gelegt worden sind, ob sie nur eine
literarische Komposition sind, in unserm Fall eine Art Vorspann und
gleichzeitig eine vorausgehende Deutung des Leidens und des Sterbens Jesu.
Man muß sich diese Frage stellen. Wahrscheinlich haben wir hier kein
echtes Jesuswort vorliegen. Aber dennoch lassen sich bei näherem Hinhören
und Hinsehen deutliche Spuren der Botschaft Jesu in den Worten und Bildern
unseres Gleichnisses erkennen. Begegnen wir nun noch einmal eben diesen
Worten und diesen Bildern.
„Ein Mann legte einen Weinberg an, machte einen Zaun darum, baute eine
Weinpresse und errichtete einen Wachturm. Dann verpachtete er den Weinberg
und verreiste. Zur gegebenen Zeit schickte er einen Boten zu den Pächtern,
um seinen Anteil am Ertrag des Weinbergs abholen zu lassen. Die Pächter
aber verprügelten den Boten und ließen ihn unverrichteter Dinge abziehen.
Der Besitzer schickte einen zweiten, dem schlugen sie den Kopf blutig und
behandelten ihn auf schimpflichste Weise. Da schickte er einen zweiten
Boten. Den brachten sie sogar um. Und so machten sie es noch mit vielen
anderen, die er schickte: Die einen wurden mißhandelt, die anderen
umgebracht. Schließlich blieb ihm nur noch sein eigener Sohn, dem seine
ganze Liebe galt. Den schickte er zu den Pächtern, weil er sich sagte:
‚Vor meinem Sohn werden sie Respekt haben.‘ Aber die Pächter sagten
zueinander: ‚Das ist der Erbe! Wir bringen ihn um, dann gehört seine
Erbschaft, der Weinberg, uns!‘ Und so töteten sie auch ihn. Was wird nun
der Weinbergbesitzer tun? Er wird selbst kommen, die Pächter töten und den
Weinberg anderen anvertrauen. Ihr kennt ja wohl die Stelle in den Heiligen
Schriften, wo es heißt: ‚Der Stein, den die Bauleute wortlos weggeworfen
haben, ist zum Eckstein geworden. Der Herr hat dieses Wunder vollbracht,
und wir haben es gesehen.‘ Die führenden Priester, die Gesetzeslehrer und
die Ratsältesten hätten Jesus gerne festgenommen; denn sie merkten, daß
das Gleichnis auf sie gemünzt war. Aber sie hatten Angst vor der Menge. So
ließen sie ihn unbehelligt und gingen weg.“
Jeder unter den Hörern Jesu, liebe Gemeinde, jeder unter den Hörern Jesu,
der sein Gleichnis vernommen hat, mußte wohl an die peitschende Worte des
Weinbergliedes des Propheten Jesaja denken, wir haben es vorhin in der
alttestamentlichen Lesung gehört: „Einen Weinberg hatte mein Freund auf
einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte
darin edle Reben und grub eine Kelter und wartete darauf, daß er gute
Trauben brächte, aber er brachte schlechte. Nun richtet ihr Bürger zu
Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg.“ Und:
„Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel.“ “Er hoffte auf
Guttat und erntete Bluttat.“ Reichlich Anspielungen und Vorlagen sind das,
um die gesamte Geschichte Israels zu formen als eine nicht enden wollende
Kette der Weigerung Frucht zu bringen zur rechten Zeit. Immer wieder
schickt Gott seine Propheten und immer wieder werden sie geschlagen,
verspottet, gesteinigt, getötet. Unter diesem Blickwinkel ist die
Geschichte Jesu wie eine Zusammenfassung all dessen, was es schon gab, nur
ins Entgültige gesteigert. Gott sandte seinen Sohn in der Hoffnung, ihn
würden sie hören. Das Schicksal Jesu ist das Schicksal der Propheten. Aber
was für eine grauenhafte Bilanz der menschlichen Geschichte wäre dies?
Ständig würden die Menschen all das zerstören und zunichte machen, was
ihnen Leben schenkt und Leben erhalten will. Und immer erst am Ende,
jenseits der Schranken der Zerstörung und des Blutvergießens, käme die
Reue, das Erwachen, die Belehrung.
Der Künstler Hieronymus Bosch hat, als er den Weg Jesu
nach Golgata malte, von den Menschen ein Portrait gegeben, das so
grauenhaft aussieht wie diese Bilanz: Gesichter mit stechenden Augen
voller Gier, einem Mund der zynisch ist und verrenkt im Spott, Backen, die
gedunsen sind vom Haß, und der Ausdruck der Hände wie der zupackende
Würgegriff des Todes. Soll es wirklich nur dieses Bild von uns Menschen
geben? Und weiter: Ist dies die einzige Möglichkeit einer Bilanzierung der
Geschichte des Menschen in dieser Welt?

Nun kann man denken, unser Gleichnis spiegelt menschliches Leben unter den
Bedingungen verschiedener Zeitumstände, wie wir sie vor 2000 Jahren in
Palästina antrafen. Umstände, die das Volk Israel betrafen – und Jesus
auch. Und die ersten Christen, die sich dieses Gleichnis erzählten, haben
wohl in der ganz sicheren Hoffnung gelebt, die Kirche wenigstens sei das
wahre Israel und wir würden aus dem Tode Jesu gelernt und begriffen haben,
wovon wir leben.
Aber vielleicht sollte man das ganze Gleichnis noch einmal auf eine ganz
andere Weise nacherzählen, so daß es die Geschichte eines jeden einzelnen
von und sein kann. Denn es ist ja so, Gleichnisse sind durch ihre
bildhafte Sprache immer auch gleichsam ein Spiegelbild der inneren Dynamik
unserer menschlichen Seele. Gleichnisse haben etwas mit uns selbst zu tun.
Sie deuten unsere Wirklichkeit. Mehr noch: Gleichnisse lehren uns
umzudenken und unser Leben auf Gott hin auszurichten. Vielleicht ist Ihnen
das auch schon einmal aufgefallen: In Gleichnissen geschieht immer etwas
zutiefst überraschendes und unerhörtes. Gleichnisse wollen uns Menschen
helfen, un-ser Leben besser zu verstehen und sie wollen uns verwandeln,
daß wir immer mehr zu dem Bild werden, das Gott sich von uns gemacht hat.
Und so ist es auch bei unserem heutigen Predigttext. Ist es nicht so, daß
die Seele eines jeden Menschen, der zur Welt kommt unter den Augen Gottes
ist wie ein Weinberg, in dem alles angelegt ist aus den Händen des
Schöpfers, so vollendet und so schön, wie es besser gar nicht sein könnte?
Der evangelische Theologe Helmut Thielicke hat einmal sehr schön gesagt,
der Weinberg sei für die Sprache der Bibel ein feststehendes Bild für
alles, was Gott als Eigentum gehöre. Und so stoßen wir beim Lesen der
Bibel immer wieder Weinberge, besonders im Alten Testament. Und immer
wieder steht es für das lebendige, für die atemberaubende Schöpferkraft
Gottes. „Weinberge“, allein das Wort löst ja schon Lustgefühle,
Assoziationen von Sonne, Mittelmeerlandschaften, von zartem Blütenduft,
saftiger Ernte und Feierfreude unter Weinlauben und auch so etwas wie Eros
ist nicht weit. „Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gesetzt; aber
meinen eigenen Weinberg habe ich nicht behütet“, singt die Geliebte im
Hohenlied Salomos (1,6). Und weiter: „Er führt mich in den Weinkeller, und
die Liebe ist ein Zeichen über mir“ (2,2); „... die Reben duften mit ihren
Blüten ... unsere Weinberge haben Blüten bekommen“ (2,13); ...deine Brüste
gleichen den Weintrauben ... Laß deinen Mund sein wie Wein“ (7,8ff); ...
daß wir früh aufbrechen zu den Weinbergen und sehen, ob der Weinberg
sprosst und seine Blüten aufgehen....“ – Und schließlich, wenn man den
ersten Vers unseres Predigttextes noch im Ohr hat, wird es jetzt spannend:
Salomo hat einen Weinberg ... Er gab den Weinberg den Wächtern, daß jeder
für seine Früchte brächte tausend Silberstücke“ (8,11). Aber das
interessiert die schöne Geliebte nicht: „Mein Weinberg gehört mir. Die
tausend lasse ich dir, Salomo, und zweihundert den Wächtern seiner
Früchte“ (8,12). Nur die Liebe zählt, nur der Geliebte selbst;
unzuverlässige Freunde lauschen ihm, wenn er der Geliebten ruft; fliehen
soll er „wie ein junger Hirsch“: zu ihr natürlich der Geliebten, die ihn
sehnsüchtig erwartet...Geliebter und Geliebte sind in Gefahr, aber
außerhalb ist Platz für die unerlaubte Liebe.
Es ist wahr, die Seele eines jeden Menschen ist unter den Augen Gottes wie
ein Weinberg, in dem alles angelegt ist von den Händen des Schöpfers, in
dem das Leben blühend sich entfalten und Frucht bringen will –
hundertfach. Und es ist wahr, daß Gott diesen Weinberg unserer Seele
anderen anvertrauen muß, seinen Pächtern. Wir selber aber sollten uns
niemals als Herren und als Eigentümer begreifen gegenüber dem, was uns
anvertraut ist. Wir sollten in jedem Moment wissen, daß wir nur ein
geliehenes Gut anvertraut bekommen haben, das heranreift zu seiner
Vollendung, seiner Schönheit und Fruchtbarkeit, die Gott allein gehört.
Welch eine Kunst wäre es, den Weinberg Gottes, die Seele eines anderen
Menschen, reifen zu lassen zu ihrer eigenen Bestimmung! Um ihr zu
entsprechen, müßten die Worte, die wir miteinander tauschen so leicht sein
wie der Wind, der die Blätter des Weinlaubs durchweht und sie mit seinem
milden Atem belebt. Unsere Augen müßten so warm und hell sein wie die
Sonne am Himmel, die den reifenden Früchten den Mut gibt, sich zu
entfalten, und ihnen Süßigkeit verleiht zur Zeit der Vollendung. So
sollten wir einander reifen lassen im „Weinberg des Herrn“. Warum aber ist
es oft so schwer, miteinander zu leben? Fragen wir unser Evangelium, so
beginnt alles mit der Verweigerung oder dem Mißverständnis die uns als
Pächter unter den inneren Zwang setzt, uns anderem Leben gegenüber
aufzuspielen als Herrscher und als Eigentümer. Und noch ehe man gesehen
hat, von welcher Art die Früchte im Weinberg der Seele des anderen sind ,
ist man schon beim Ausreißen und Zurückschneiden, beim Reglementieren und
Spaliersetzten. Der Dichter Rainer Maria Rilke:
Ich fürchte mich vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
Und hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
Sie wissen alles, was wird und war;
Kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
Ihr Garten und Gut grenzt gerade an Gott.
Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
Wir sollten miteinander Umgang pflegen, als wenn wir unser eigenes Dasein
dem anderen wie ein Instrument in die Hände gäben, wie eine Harfe, über
deren Saiten die Seele des anderen gleitet und sie zum Gesang erhebt. Aus
lauter Angst aber fahren wir dem anderen in die Saiten, drangsalieren ihn
mit den eigenen Vorstellungen des Zwanges, packen ihn, engen ihn ein,
schreiben ihm vor und wissen das oft ganz genau. Wir zerstören seine
Träume, seine Hoffnungen, seine Erwartungen; es gibt am Ende keine Wunder
mehr, keine Aufregungen mehr, keine Phantasie mehr, keine Beunruhigungen
mehr. Das ist der Sinn der geheimen Zwangsverwaltungen im Weinberg der
Seele des Menschen, daß man am Ende einander völlig im Griff hat, glaubt,
einander völlig zu gehören, aber man erstickt damit die Freiheit, man
vermeidet damit, daß das Werk Gottes sich entfalten könnte. So leben wir
oft unter Zwängen, innerlich eingesperrt und ohne jeden Spielraum.
Die Hoffnung bleibt, daß Jesus nicht umsonst gestorben ist und daß es
nicht ewig so weitergeht: zuerst zerstört man und schließlich tut’s einem
leid, dann versucht man’s anders zu machen, und dann geht’s wieder weiter,
und so durch die Jahrtausende und hört nie auf. Hoffen möchte man, daß
Jesus einmal recht behielte als der Auferstandene, der in unsern Herzen
Lebende, und daß wir unseren Träumen glauben, die oft verschüttet sind,
unserer tieferen Berufung Folge leisten, der Kraft unseres Gefühls,
unserer eigenen Gedanken, der Stimme im Verborgenen, in unserem eigenen
Ich Raum geben, und daß es uns trägt wie der aufsteigende Saft in den
Reben im Weinberg. Denn berufen sind wir zum Leben in Fülle. Wir sind dazu
bestimmt, daß unser Dasein reich sein kann, fruchtbar sein kann und sich
entfalten darf. Alles andere, was ängstigt, erstickt, festlegt, verdient
vor Gott nicht Anerkennung. Gott steht auf der Seite unserer Freiheit,
denn unser Leben ist bestimmt zur Freude, zur Schönheit und zum Glück.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsre nur menschliche
Vernunft, der bewahre unsre Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm
Herrn. Amen.
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