Verachtet das Kleine nicht
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Predigt am Sonntag Sexagesimae - 23.2.2000
Bad Lippspringe und Neuenbeken No 519
Text: I.Reihe: Lukas 8, 4-8
[Lieder: 452, 1-3 752 198 591 196 678 592 421 ]
4 Da
nun viel Volks beieinander war und sie aus den Städten zu ihm eilten,
sprach er durch ein Gleichnis:
5 Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen. Und indem
er säte, fiel etliches an den Weg und ward zertreten und die Vögel unter
dem Himmel fraßen's auf.
6 Und etliches fiel auf den Fels; und da es aufging,
verdorrte es, darum daß es nicht Saft hatte.
7 Und etliches fiel mitten unter die Dornen; und die
Dornen gingen mit auf und erstickten's.
8 Und etliches fiel auf ein gutes Land; und es ging auf
und trug hundertfältige Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat,
zu hören, der höre!
(Bibeltext
bei Elbikon-Online)
Friede sei mit euch und die Gnade
Gottes in Jesus Christus.
Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
den Predigttext haben wir bereits als Evangeliums-Lesung gehört: Die
Geschichte vom Sämann, der die Saat ausbringt, ¾ davon aufgrund des
widrigen Bodens verloren geht, der Rest jedoch 100fältige Frucht bringt.
Für Jesus ist diese Geschichte ein Gleichnis, mit dem er das Kommen des
Reiches Gottes erklären möchte.
„Dein Reich komme“. Wir beten es in jedem Gottesdienst im Vaterunser.
„Dein Reich komme“. Wir bitten darum, dass Gottes Herrschaft, die in Jesus
Christus begonnen hat, vollendet werden möge.
Gottes Herrschaft - das ist der Sieg über den Tod. Auch der Sieg über den
„Tod vor dem Tod“: über alles, was das Leben einengt, beschränkt. Gott hat
seine große Friedensherrschaft begonnen, in der es keinen Hass mehr gibt,
keine Gewalt, keine Tränen, keine Angst.
„Dein Reich komme“ - das Besondere, Sensationelle und ganz Aktuelle an
dieser Bitte besteht darin, dass hier nicht auf irgendeine verschwommene
Zukunft vertröst werden soll. Es ist ganz konkret damit gemeint: In Jesus
Christus hat der Friedenskönig bereits seine Macht angetreten, hat Gott
bereits den Sieg über den Tod errungen - es möge nun ganz vollendet
werden, was im Prinzip schon da ist.
Vielen von uns, liebe Schwestern und Brüder, fällt diese Bitte schwer:
„Dein Reich komme“. Menschen haben Angst, Angst vor Krieg, Angst vor
Terror-Anschlägen. Noch immer scheinen wir Menschen unendlich weit
entfernt davon zu sein, Konflikte auf friedliche Art lösen zu wollen. Die
Mächtigen wollen wieder einmal mit der primitivsten und
menschenverachtendsten Sprache sprechen: der von Krieg und Gewalt. Auch
wenn Millionen die Stimme für den Frieden erheben - noch mehr Millionen
haben längst die Hoffnung aufgegeben, dass ein friedensstiftender Gott
noch die Macht hätte, den Krieg zu verhindern. Gerade angesichts dieser
Tatsache stellt sich doch die Frage:
Wo ist denn das Friedensreich Gottes, das da kommen soll? Wie kann es
stimmen, dass das Böse und der Hass ein für allemal überwunden sind - wenn
wir doch tagtäglich etwas anderes erleben?
Darauf will die Geschichte, das Gleichnis von dem Sämann eine Antwort
geben. Dieser Sämann bringt so, wie es in Israel üblich war, den Samen auf
das ungepflügte Feld aus: auf Wege, auf Felsen, auf Dornen und auch auf
fruchtbaren Boden. Erst danach wird der gesamte Acker umgepflügt,
einschließlich der Wege, der felsigen und der dornigen Stellen. Der Same,
der nicht auf fruchtbaren Boden gefallen ist, geht nicht auf, verdirbt
oder wird von den Vögeln aufgepickt.
Gleichnishaft spricht Jesus hier vom Kommen des Reiches Gottes. Immer
wieder ist flächendeckend von ihm die Rede - aber oft genug geht nichts
davon auf. Und was da an guten Ansätzen Wirklichkeit werden will,
scheitert allzuschnell an der Härte der menschlichen Herzen; wird von
komischen, machtgierigen Vögeln zerstört.
Das Gleichnis vom Säman sagt: Das Reich Gottes kommt nicht ohne die
Erfahrung des Scheiterns und der Ohnmacht. Dem Reich Gottes wird
Widerstand und Einbuße entgegenstehen. Jesus will nicht auf ein besseres
Jenseits vertrösten, sondern nimmt die Verunsicherung, die Enttäuschung,
den Mißerfolg, den Zweifel, die Angst ganz ernst.
So können wir uns noch heute in diesem Gleichnis wiederfinden.
Aber sehen wir genau hin: Nicht das Scheitern, nicht der Verlust des
Saatgutes ist die zentrale Aussage. Vielmehr versteht sich dieses
Gleichnis - wie übrigens alle Gleichnisse Jesu - vom Ende her: „Und
etliches fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfältige
Frucht.“ Darum geht es also: Am Ende wird trotz aller Mißerfolge und
Enttäuschungen, Rückschlägen und Erfahrungen des Scheiterns eine solche
überwältigende Fülle des Erfolges stehen, dass niemand mehr an die
Verluste denkt. Am Ende steht das Friedensreich, in dem es wirklich keine
Tränen, kein Leid, keine Ängste, keinen Hass - selbst den Tod - nicht mehr
geben wird.
Jesu Gleichnis vom Sämann vergleicht das Kommen dieses Friedensreiches mit
einem Wachstumsprozess: Es ist nicht über Nacht einfach da, sondern es
geschieht, wird langsam Wirklichkeit, es wächst eben. Wohl ist in Jesu Tod
und Auferstehung das Ziel und die Vollendung von Gottes Herrschaft ein für
allemal festgelegt. Aber es gibt immer Widerstände und Einbußen. Doch die
Kraft und die Zielrichtung des Wachstums vom Pflänzchen „Reich Gottes“
wird geradezu da spürbar, wo ihm Widerstand entgegengebracht wird. Dafür
gäbe es eine Reihe geschichtliche Beispiele.
Sie kennen das Bild von einem aufkeimenden kleinen Pflänzchen, das mitten
auf einer Straße - oder durch eine Kirchenmauer - wächst. Sie hat die
Steine, die Asphaltdecke, die eigentlich das lebendige Grün versiegeln
sollte, durchbrochen - allein durch die Kraft ihres Wachstums. Das bloße
Vorhandensein eines solchen Pflänzchens scheint die Naturgesetze und den
gesunden Menschenverstand zu stören. Dies ist ein wunderschönes Bild für
die Kraft des Lebens. Diese Kraft des Lebens ist wie die Kraft des
Friedens viel stärker als wir Entmutigte dies meinen. Das Reich Gottes
wächst genauso: mit Macht, beharrlich, Widerstände überwindend. Es gibt
Zeichen, wie Gottes Herrschaft in der Welt gegen alle Naturgesetze und den
so genannten gesunden Menschenverstand dennoch wächst. Vergessen wir
nicht: auch die Erfahrung von Scheitern und Ohnmacht gehören dazu, wenn es
um Gottes Macht geht. Denn Gottes Macht ist die Macht der Ohnmächtigen,
die konsequente Liebe, die am Ende stärker ist als Hass und Gewalt.
Alle Große beginnt im Kleinen. Jeder große, mächtige Baum war einmal eine
schwache, kleine Pflanze. Auch das ist ein Bild für das Kommen des Reiches
Gottes. Verachtet das Kleine nicht, das Vorläufige, das Schwache. Gott ist
Mensch geworden und dieser Mensch war am Anfang auch klein, ein Kind, dann
ein leidensfähiger und sterblicher Mensch. Er hat die Pflanze „Reich
Gottes“ in unsere Erde gesetzt. Und er setzt uns damit in die
Verantwortung, dieses Pflänzchen zu hegen und zu pflegen. Gott will keine
Mitläufer, er will Nachfolger. Er will Menschen, die mithelfen, dass
dieses kleine Pflänzchen ein starker Baum wird. Wohl geschieht das
Wachstum ganz von allein - das Reich Gottes kommt auch ohne unser Zutun -
aber Gott will, dass wir mit dabei sind.
Gott lässt uns die Freiheit, der Verheißung seines Friedensreiches zu
trauen oder nicht. Er zwingt niemanden. Gerade deshalb ist das Wachstum
der Pflanze so gefährdet. Gerade in unserer Zeit, da wieder einmal
militärischer Stärke mehr getraut wird als der Bereitschaft zu Frieden und
Versöhnung. Ein für allemal hat Gott darauf verzichtet, mit einem
Gewaltakt die Welt zu befrieden, er hat auf Gewalt in jeder Form
verzichtet, um die Liebe nicht zu verraten. Dafür steht Jesus Christus,
die menschgewordene Liebe Gottes. Er ist es, an dem sich die Geister
scheiden. Er ist der Gärtner, der uns den Wert der Pflanze Reich Gottes
erklärt und uns die Augen für das Wunder des Wachstums öffnet. Ob wir ihm
Vertrauen schenken oder angesichts der weltweiten Gewalt in Resignation
versinken - diese Entscheidung müssen wir treffen, die nimmt uns Gott
nicht ab.
Wenn wir uns aber leiten lassen von diesem besorgten und sorgfältigen
Gärtner, dann stehen wir letztlich auf der Seite des Siegers, auch wenn
die ganze Welt darüber lachen würde. Wenn wir diesem gewissenhaften
Gärtner trauen, dann werden wir selbst zu Gärntnern, die gerade jetzt an
das Wachsen des Pflänzchens Friedensreich Gottes glauben und es pflegen.
Das Pflegen ist so wichtig, das Nicht-Aufgeben und Nicht-Nachlassen bei
Rückschlägen, das Sich-Gegenseitig-Ermutigen. Und in dieser Verheißung
leben wir: am Ende wird die Liebe, der Erfolg, der Sieg über Hass und
Gewalt so überwältigend groß sein, dass alle Mißerfolge vergessen sind.
Vertrauen wir darauf, wie der Sämann, der voll Freude sein Saatgut
ausbringt, weil er weiss, das die Kraft dieses Wachstums hundertfältig
größer ist als alles, was sich ihm in Weg stellen will.
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.
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