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Alles hat seine Zeit ...

Predigt zum Altjahresabend 2003

Pfarrerin Antje Lütkemeier, Bad Lippspringe

Prediger 3,1-8

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat
seine Stunde. Geboren werden, Sterben, Pflanzen, Ausrotten, das gepflanzt ist, Würgen, Heilen, Brechen, Bauen, Weinen, Lachen, Klagen, Tanzen, Steine zerstreuen, Steine sammeln, Herzen, Fernen von Herzen, Suchen, Verlieren, Behalten, Wegwerfen, Zerreißen, Zunähen, Schweigen, Reden, Lieben, Hassen, Streit, Friede hat seine Zeit. (http://www.luther-bibel-1545.de/cpre.htm)

Wirklich schon wieder ein Jahr?! Gerade an solchen Schwellentagen wie heute wird uns deutlich bewußt, wie schnell die Zeit verfliegt, uns wie Sand zwischen den Fingern verrinnt und selbst wenn wir alle Uhren anhalten, alle Kalender verstecken würden - Zeit würde doch vergehen. Unaufhaltsam.

So bietet sich der Text aus dem Prediger Salomos, den wir in der Lesung gehört haben geradezu als Predigttext für den Silvestertag an:

alles hat seine Zeit,

vielleicht mit dem geheimen Untertitel: Zeit ist begrenzt und deshalb kostbar, vergeuden wir sie nicht, auch nicht im Neuen Jahr.

 

Alles hat seine Zeit.

Oder präziser: für alles gibt es eine Zeitspanne und für alles Vorhaben den ihm angemessenen Zeitpunkt. Denn zu der Zeit, als der Text aufgeschrieben wurde, vor 2400 Jahren, irgendwo im Nahen Osten, dachten und redeten die Menschen anders von Zeit, hatten verschiedene Worte für ganz unterschiedliche Aspekte von dem, was wir nur mit Zeit übersetzen und bezeichnen können.

 

Unser Leben ist geprägt von Widersprüchen und Gegensätzen und vom Wechsel - so sagt es der Bibeltext.

Alles hat seine Zeit in unserem Leben.

Das Leben und das Sterben, das Werden und Vergehen. Es ist ein altes Wissen der Menschheit: Unser Leben verläuft nicht gradlinig, nicht eindeutig, in planbaren Kategorien, sondern ist geprägt von Polarität, Unwägbarkeit und Wechsel. Und alles enthält schon den Kern des jeweils anderen in sich. In jedem Werden ist das Vergehen schon mit angelegt.

 

Dies kann ein Trost sein, denn es spricht davon, daß Tränen, Leiden und Schmerzen nur eine gewisse Zeit dauern, nicht unendlich sind. Tränen trocknen und Wunden heilen, eben mit der Zeit.

Alles hat seine Zeit:

Wie erschreckend, wenn wir daran denken, daß auch Lachen, Freude und Leben nur eine gewisse Zeit dauert.

Alles hat seine Zeit.

Das Gleichmaß der folgenden Aufzählungen verführt dazu, sich in der einen oder anderen Form einlullen zu lassen:

Alles hat seine Zeit:

der Herr hat’s gegeben der Herr hat’s genommen, Gott wird es schon richten - ich muss nichts tun.

Alles hat seine Zeit:

wir alle sind Gefangene dieses Kreislaufs, wir können doch nichts ändern, Zeit für Krieg ist eben Zeit für Krieg, ich kann nichts tun.

Aber wenn wir genau hinsehen und -hören, dann steht da nichts vom natürlichen Zyklus der wiederkehrenden Zeiten. Auf Säen und Pflanzen folgt nicht Ernten, sondern ausreißen, was gepflanzt ist. Niederreißen, töten und Krieg gehören nach meiner Vorstellung nicht in den natürlichen Kreislauf.

Der Text entpuppt sich beim zweiten Blick als widerspenstig. Auch mit exegetischen Klimmzügen gelingt es nicht, wunderbar kluge Erklärungen zu finden, die diese Schwierigkeiten verschwinden lassen. Unser Text bewertet noch nicht einmal, verdammt weder Krieg noch Zerstörung, er zählt nur auf. Ärgerlich?

 

Vielleicht eher: befreiend! So ist das in meinem Leben, wie im Leben vieler Menschen. Trotz vieler guter Vorsätze für das neue Jahr: die Erfahrung wird auch 2004 oft wieder sein: die Kriege werden geführt. Vieles, was mühsam aufgebaut wurde, wird eingerissen. Es gilt, loszulassen, Abschied zu nehmen. Auch die Erfahrung von Hass und Streit wird es wieder geben.

 

So ist das im Leben, aber es muss nicht so sein!

Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. So sagt das der Prediger Salomos. Alles enthält schon den Kern des jeweils anderen in sich. So enthält auch unsere menschliche Existenz den Kern des ganz anderen in sich.

In unserem todesverfallenen Leben tragen wir ein Stück von Gottes Ewigkeit in uns.

In unserem unvollkommenen Leben, in der Angst, nicht zu schaffen, nicht anzugelangen, nicht zu genügen, tragen wir schon ein Stück der Vollkommenheit Gottes in uns. In unserer unfriedlichen Welt können wir in Augenblicken und Momenten erfahren, was Frieden bedeutet.

Wir sind geschaffen als Gottes Ebenbilder.

Das, was wir als unsere Schwäche und Unzulänglichkeit empfinden, können wir getrost in seine Hände legen.

Das gibt uns Menschen die Freiheit zu protestieren, Widerstand zu leisten gegen das, was unser Leben prägt aber belastet: gegen den Hass, die Zerstörung und den Tod.

Gott hat uns ein Stück der Ewigkeit, ein Teil seines Reiches in unser Herz gegeben. Da ist etwas, das uns Halt bietet, einen Maßstab für unser Leben und Handeln. Eine Ahnung von seiner Nähe, die wir immer in uns haben und eine Sehnsucht nach Gottes Wirklichkeit, nach seinem Leben.

 

 



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01. Januar 2004