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Simeon
Predigt
1.Sonntag
nach dem Christfest - 29.12.2002(No.514)
Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe
Text: I.Reihe: Lukas 2, 24-28

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.
Liebe Schwestern und Brüder,
Simeon - ein Holzschnitt von Walter Habdank.
“Opa mit leicht verklärtem Gesichtsausdruck. Auf dem Schoß ein hübsches Baby mit Puppengesicht, das ihm den Bart krault” - so könnte man auf den ersten Blick meinen.
Doch dieser Mann ist kein Opa, sondern der gottesfürchtige Simeon. Ihm war prophezeit worden, er werde den Tod nicht schauen, bevor er den Messias, den Gesalbten, den heilbringenden Sohn Gottes gesehen habe.
Im Tempel wurde ihm das Jesuskind auf den Schoß gesetzt. Nicht ungewöhnlich, denn durch die Berührung soll der Segen diesen frommen alten Mannes auf das Kind übertragen werden.
Und in diesem Moment geht dem Simeon ein Licht auf: “Nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern.”
Nicht seine Augen, nicht seine Lebensweisheit schenken ihm diese wichtigste Erfahrung seines Lebens. Es ist die Begegnung mit dem Kind selbst, dessen Gesicht zu leuchten scheint in seinen Händen.
Ich möchte mich in drei Schritten diesem Bild nähern.
Das ist erstens: Simeon.
Simeon ist ein Wartender. Tagaus, tagein sitzt er im Tempel. Treu beteiligt er sich an den Gottesdiensten, inbrünstig betet er. Sein Herz ist voll tiefer Frömmigkeit. Ein Fachmann in Sachen Religion ist er geworden, kennt die Tradition wie kein zweiter. Noch immer wartet er. Erwartet den, der da kommen soll. Den Heiland, den Friedenskönig, den von Gott Gesandten. Er lebt in dieser Tradition und ist darin alt geworden.
Aber er ist kein falscher Traditionalist. Keiner, dem Sitte und alte Gewohnheit wichtiger sind als das Leben selbst. Innerlich ist er noch immer jung, neugierig, offen. Seine Sehnsucht nach dem Sinn des Lebens brennt in ihm. Wäre er nur Traditionalist, hätte er das Jesuskind verpasst. Denn die Tradition erwartete einen starken, erwachsenen Mann als Heilsbringer und Friedenskönig. Doch als Simeons von der Gicht verkrüppelten Hände zärtlich die Konturen des weichen Kindgesichtes fühlen und den kleinen zerbrechlichen Körper an sich drücken, sind alle Tradition vergessen. Ja, ich bin am Ziel meines Lebens. Ein fast schalkhaft überlegenes Lächeln spielt um seine Lippen wie bei alten Menschen, die in Frieden auf den Tod vorbereitet sind. Die hochgezogene Stirn verrät höchste Anspannung, das Neue ganz intensiv in sich aufzunehmen.
Alles Suchen, alles Zweifeln sind zur Ruhe gekommen. Die leuchtenden Augen blicken ins Leere am Kind vorbei ...
Simeon ist der Mensch, der das Warten durchgehalten hat. Der sich nicht von Enttäuschungen hat entmutigen lasse, den die Widersprüche des Lebens nicht haben irre werden lassen. Ich wünsche mir selbst soviel Kraft zum Warten, soviel Zutrauen, dass das, worauf ich warte, auch irgendwann Wirklichkeit werden wird.
An Simeon kann ich lernen: Es lohnt sich, das Warten durchzuhalten.
Zweitens: Das Kind auf den Händen.
Was auffällt, ist das helle Gesicht. Ein Schein geht von dem Kind aus, der sich widerspiegelt in den Augen Simeons. Ich bin das Licht der Welt. Du sollst nicht wandeln in der Finsternis - so sagt Jesus als Erwachsener. Noch hängt der Stern von Bethlehem, der das Licht zum Stall war, in der Kirche. Im Licht dieses Kindes wird alles neu. Das Licht Jesu ist der Funke, gerade in der Dunkelheit der Hoffnung noch zu trauen.
Simeon, dem geduldig Wartenden geht dieses Licht auf. Kein starker Mann ist der Erlöser der Welt, sondern ein wehrloses Kind. Gottes Macht ist die Macht der Ohnmächtigen. Gott besiegt die bösen Mächte der Welt gerade dadurch, dass er ihnen keinen Widerstand leistet. Er führt die Gewalt ad absurdum, weil er ihr die Liebe - und kompromisslos nur die Liebe - entgegensetzt. Weltfremd? Naiv? Eben kindlich? Ja, sicher. Ganz folgerichtig ist der Weg ans Kreuz. Doch die Mächtigen der Welt verrechnen sich am Ende doch, wenn sie meinen, so mit Gottes Liebe fertig werden zu können. Als Gottes Liebe und der Tod aufeinandertreffen, siegt die Liebe. Christus ist auferstanden.
Der kleine Jesus krault den Bart des alten Mannes. Er nimmt Anteil am Leben der Menschen. Und der Alte sieht sein Leben in einem neuen, unvergänglichem Licht. Was er erlebt hat an Grausamkeit, Enttäuschung, Hass der Menschen - es ist überwunden angesichts dieses Kindes.
Dieses Kind ist Gott. Auf der Seite der Kleinen, der Schwachen. Teilt die Macht der Ohnmächtigen. Der Friede, die Versöhnung, die Freiheit, das Loslassen-Können, ja, sogar das Getrost-Sterben- Können liegen im Kommen dieses Kindes - weil Gott wehrlos ist haben wehrlose Liebe und unbedingtes Vertrauen mehr Macht als Hass und Tod.
Die Mächtigen der Welt, liebe Schwestern und Brüder, verrechnen sich, damals wie heute, wenn sie Gott, den Friedefürsten auf der Seite der Starken, Anerkannten, Gewaltigen suchen. Längst haben es die Kirchen erkannt: Krieg darf um Gottes Willen nicht sein. Sagen wir es angesichts dieses Bildes. Krieg darf um dieses Kindes willen nicht sein.
Zum dritten und letzten: Sehen Sie auf die Augen des Kindes:
Das Kind in den Armen des greisen Simeon schaut uns fragend, uns nicht in Ruhe lassend: Und du? Wie stehst du zu mir? Zum Heil der Welt? Zur Liebe, zum Vertrauen als der entscheidenden Kraft? Der Vergebung, der Versöhnung, des Neuanfangs?
So ist eben dieses eine Kind nicht irgendein Kind. Dieses Kind ist einzigartig, und in ihm sollen gesegnet sein alle Kinder dieser Welt. Ob hier, in Afghanistan, im Irak, in Palästina, in Israel, in den Vereinigten Staaten von Amerika - wo auch immer. Und wenn uns vieles trennt - das eine verbindet uns: Wir waren alle einmal Kinder. Wir sind alle Kinder unserer leiblichen Eltern, aber auch unseres Vaters im Himmel.
Gott lädt uns ein, seiner wehrlosen Liebe zu trauen. Er lässt sein Licht in Christus leuchten, damit uns, gleich dem Simeon, ein Licht aufgeht. Damit wir Frieden finden - aber auch für den Frieden ohne Gewalt, ohne Hass, ohne Krieg eintreten. Damit sich auch unser sehnsüchtiges Warten erfüllt - und wir die innere Ruhe behalten, das Warten auszuhalten.
Möge Gott uns den Frieden schenken, durch den damals Simeon leben und sterben konnte. Amen.
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02. März 2005
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