“Lasst eure Lenden umgürtet sein - und eure Lichter brennen.”

Predigt zum Altjahresabend 2002 in Neuenbeken und Bad Lippspringe

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

I.Reihe: Lukas 12, 35-38

Vom Warten auf das Kommen Christi
 

Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen
und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.
Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.
Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet's so: selig sind sie.
 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

den Predigttext haben wir eben schon als Evangeliums-Lesung gehört. Da vertraut der Hausherr seinen Knechten seinen Besitz an und verreist für mindestens eine Woche. Solange wird wohl die Hochzeit gedauert haben, zu der der Hausherr sich aufmachte. Doch ganz genau lässt es sich nicht sagen, wann ein solch großes Fest zu Ende sein wird. Und damit ist auch der Zeitpunkt der Rückkehr des Hausherrn ungewiss.

 

Auch uns, liebe Schwestern und Brüder, hat der Hausherr dieser Welt, nämlich Gott, im zu Ende gehenden Jahr 365 Tage anvertraut. Er hat uns in die Verantwortung genommen, “Gut-Haus-Zu-Halten” mit den Fähigkeiten, der er uns gegeben hat. Und irgendwann wird auch dieser Hausherr zurückkehren und uns fragen: “Habt ihr gut Haus gehalten? Seid ihr eurer besonderen Verantwortung gerecht geworden?” Der Jahreswechsel ist eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen. Bin ich dort, wo ich hin will? Bin ich auf gutem Weg? Was stört mich an mir, was anderen? Lassen Sie sich einen Augenblick Zeit, für sich selbst eine Antwort zu überlegen: Wo bin ich zufrieden mit mir, wo bin ich es nicht?

 

--  S T I L L E --

 

So unterschiedlich Ihre Gedanken auch immer waren, liebe Schwestern und Brüder, eines ist wohl gemeinsam: einen 100 % igen Zufriedenen wird es eben so wenig unter uns geben wie einen 100 % Unzufriedenen. Wenn wir noch einmal das Jahr 2002 Revue passieren lassen, fallen uns die Bilder von der Hochwasser-Katastrophe im Osten Deutschlands, aber auch die Bilder der Hilfsbereitschaft ein. Aber auch Bilder von Hass, Gewalt, Terror und Krieg. Wir wissen nicht was das neue Jahr bringt - vielleicht einen neuen Krieg im Irak?

 

Was 2002 wieder ganz deutlich geworden ist: Unsere Welt ist eng zusammengerückt. Wir sitzen alle in einem Boot. Wir können uns nicht aus der Verantwortung stehlen und sagen: “Ich bin doch nur ein kleines Rädchen im Getriebe - was kann ich denn schon gegen die Mächtigen dieser Welt ausrichten!” - “Macht euch die Erde untertan!” das verlangt Gott von uns. Und das meint: “Ihr seid die verantwortlichen Haushalter. Haltet nun auch gut Haus, geht pfleglich mit meiner Schöpfung um. Sie gehört euch nicht, sie ist nur Leihgabe. Vergesst nicht, dass der Eigentümer wiederkommen wird!”

 

Der Hausherr hat uns in die Verantwortung genommen. Gut Haus zu halten - das gilt in besonderem Maße auch für die Kirche Jesu Christi. Waren wir im zuende gehenden Jahr gute Haushalter in unserer Kirchengemeinde? Haben wir Jesus Christus gedient oder unseren eigenen Eitelkeiten?

 

Erst einmal das vorneweg: JA - es gab auf vielfache Weise gute Haushalterschaft. Lebendige Gemeinschaft. In den Gottesdiensten, den Kindergottesdiensten, in Posaunenchor und Kantorei, Frauenhilfe, Frauen- und Männergruppen. Und noch mehr, da bin ich fest überzeugt vor, im Verborgenen. In den guten Worten, treuen Besuchen und stummen Gebeten, in den guten Ratschlägen und im einfachen Helfen, wenn es nötig war.

 

Sicher sind wir einander auch manches schuldig geblieben. Auch deshalb, weil wir immer gerade vom anderen mehr erwarten als von uns selbst. Wie schnell ist ein anderer in eine Schublade gesteckt: der oder die ist zu nichts zu gebrauchen, bringt nur Unruhe - und dabei wird übersehen, was wir selbst auch unsere Fehler und Unzulänglichkeiten haben. Wir sitzen alle in einem Boot - und wenn wir jemanden leichtfertig über Bord werfen, könnte es genau derjenige sein, der für das Gesamte eine wichtige Funktion hatte.

 

Unser Gleichnis vom Hausherr, der seinen Besitz den Knechten zur guten Haushaltung übergibt, macht deutlich, dass wir allein Gott verantwortlich sind. Und er sagt ganz konkret, wie wir verantwortlich mit Gottes guten Gaben umgehen können:

 

“Lasst eure Lenden umgürtet sein - und eure Lichter brennen.”

 

Das klingt so nach “typisch Bibel” - nach “frommem Spruch” - und ist doch wie vieles in der Bibel ganz konkret gemeint:

 

Die Lenden umgürten, d.h. man bindet sich einen Gürtel um das lang fallende, weite Gewand, wodurch es zusammengehalten wird. Warum tut man dies? Damit man Bewegungsfreiheit für die Arbeit gewinnt. Das ist die beste Art, seiner Verantwortung als Haushalter gerecht zu werden: sich an die Arbeit zu machen - und wohl den Knechten, die bei der Arbeit gefunden werden, wenn der Hausherr wiederkommt. Wo man gemeinsam arbeitet, da kommt es zu Begegnungen, wie sie sonst nicht möglich sind. Wo man gemeinsam sich in den Dienst einer Sache stellt, gibt es wohl manche Reibungspunkte, aber man kommt zu einer Befriedigung, wie sie allein nicht möglich ist. 

 

War es nicht im zu Ende gehenden Jahr ähnlich? Wo wir gemeinsam die meiste Arbeit  hatten - bei besonderen Gottesdiensten, Festen, auch im Stress - haben wir da nicht am meisten Freude am gemeinsamen Tun gefunden? Gemeinsam etwas aufbauen - das ist immer noch die beste Art und Weise, tragfähige Gemeinschaft zu erfahren.

 

Und das zweite: Lasst eure Lichter brennen:

 

Manchmal komme ich abends spät am Gemeindehaus oder der Kirche vorbei, und es ist noch Licht. Ich finde das immer schön, wenn noch eine Gruppe im Haus ist, Menschen, die irgendetwas vorbereiten, besprechen, zusammen sind. Unsere Fenster im Gemeindezentrum sind selten zugezogen, jeder, der vorbeigeht, kann hineinsehen, ermutigt werden, auch einmal das Haus zu betreten und an der Gemeinschaft teilzunehmen. Die eigenen Lichter brennen lassen, heißt aber auch, wirklich einladend zu sein, auf die neuen Besucher zuzugehen, sie anzusprechen, sie in die Gemeinschaft aufzunehmen. Sonst sind die Lichter nur Schwindel: täuschen Einladung vor, die aber nicht wirklich ernst gemeint ist.

 

So lasst uns in das neue Jahr gehen:  Als Einladende und Eingeladene. Als solche, die aktiv sind, die keine Arbeit, auch keine Auseinandersetzung scheuen und die ihr Licht leuchten lassen, um andere anzulocken. Denn es lohnt sich, das Warten nicht aufzugeben. Es lohnt sich, gut Haus zu halten. Wer nicht auf dem Posten ist, wenn der Hausherr zurückkommt, verpasst das Beste. Denn wenn der Hausherr kommt, dann kommt er nicht wie ein Herr, wie ein Machthaber. Er bindet sich die Schürze um und bedient uns! Selche Sensation, aber auch welches Evangelium, welche frohe Botschaft!

 

Gott wird unser aller Diener. Es lohnt sich, auch im kommenden Jahr zusammen zu bleiben. Weil der, der auch zu uns kommen will, aus unseren Tränen des Leides Freudentränen machen wird und aus unserer zerrissenen, vom Krieg bedrohten Welt ein Friedensreich und unser fragwürdigen Kirchengemeinde einen Ort der Freude und des Trostes für alle Menschen.

 

Und seinen wir ehrlich dankbar für all die Zeichen der erst zukünftig vollendeten Welt der Herrschaft Christi. Sie waren im zu Ende gehenden Jahr trotz allem Fragwürdigen zu sehen - möge Gott, der Herr, uns offene Augen und offene Herzen schenken, sie auch in Zukunft zu sehen und zu erfahren!

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

 

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01. Januar 2003

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