Wenn Gottes Geist ins Spiel kommt

Predigt zu Trinitatis  - 15. Juni 2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

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I.Reihe: Johannes 3, 1-8:
 

Jesus und Nikodemus

s war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden.
Der kam zu Jesu bei der Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, daß du bist ein Lehrer von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden wenn er alt ist? Kann er auch wiederum in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?
Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich ich sage dir: Es sei denn daß jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren wird, das ist Geist.
Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden.
Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geist geboren ist.

 

(Bibeltext bei Elbikon-Online)

 

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt diese Nächte, wenn sich der Schlaf nicht einstellen will, wenn einem soviel durch den Kopf geht, vielleicht, weil man nicht mit sich im Reinen ist, vielleicht, weil da nicht die Zeit, die Möglichkeit war, das Erlebte zu verarbeiten. Es gibt diese Nächte, da ist die Beklemmung vor dem, was da kommt oder kommen könnte so groß, dass es mit dem erlösenden Schlaf einfach nicht funktionieren will. Und je mehr wir ihn herbei zwingen wollen, je mehr wir uns über uns selbst ärgern, desto mehr ärgert uns die Schlaflosigkeit, diese kleine Stimme im Ohr, die uns immer gerade dann wieder weckt, wenn wir schon halb hinüber sind.

Es gibt Menschen, die können überhaupt nicht richtig schlafen. Da ist diese kleine Stimme im Ohr so laut, dass nichts gelingt, sie zu überhören. Nacht für Nacht wälzen sie sich herum und stehen morgens gerädert auf, nicht wissend, wie sie die Kraft aufbringen sollen, den Tag zu überstehen.

Nachts, da kommen die Gedanken, die man tagsüber vielleicht noch verdrängen kann. Da kommen die Fragen, ganz von unten aus dem Sumpf abgelegter, unterdrückter Gefühle. Verläuft dein Leben in der richtigen Richtung? Bist du dir selbst, deinen Zielen noch treu? Kannst du wirklich zufrieden sein mit dir und deinem Leben? Lebst du wirklich - oder wirst du gelebt? Dass sind auch heute noch aktuelle Fragen, die in uns schlummern, und die interessanterweise wach werden, wenn wir selbst nicht zum Schlummern kommen.

Es ist auch die versteckte Frage nach Gott: Gibt es überhaupt ein höheres Wesen? Was ist, wenn ich einmal tot bin - kommt dann noch etwas - und möglicherweise wartet Strafe auf mich, weil ich Unrechtes getan habe? Wenn es Gott gibt - wie sieht er mein Leben an, ist er zufrieden mit mir - oder muss ich mich schämen? Bin ich schuldig geworden? Oder verpasse ich einfach nur die Fülle eines glücklichen Lebens? Wir wälzen uns hin und her und wissen nicht, wen wir fragen sollen. Wer kennt sich schon wirklich aus in diesen Fragen? Es gibt so viele Heilsbringer, Psychologen und Welterklärer - aber wer interessiert sich schon für meine Fragen, für meine Person? Wer hört denn noch wirklich geduldig zu, wenn er nicht gerade viel Geld dafür bekommt?

Nikodemus, ein gebildeter, anerkannter Theologe, studiert in den Schriften seiner Religion, er ist auch so ein Schlafloser. Einer, der sich nicht abfinden kann mit seinen quälenden Fragen. Einer, der spürt, da muss es doch noch mehr geben als ein „Gelebt-Werden“, was da in dieser kurzen Spanne zwischen Geburt und Tod für mich zu entdecken ist.

Nikodemus kommt nachts zu Jesus. Es könnte ja jemand sehen, dass er, der doch eigentlich ein anerkannter, weiser Ratsherr ist, selbst einen Rat braucht. Und dieser Jesus hat einen schlechten Ruf. Er umgibt sich mit Sündern und Zöllner, fragwürdigen Existenzen, denen er anscheinend helfen kann. In diese Gemeinschaft kann sich eine solche Stütze der Gesellschaft bei Tageslicht nicht blicken lassen.  Erstaunlich, dass es zu allen Zeiten gesellschaftlich als Makel angesehen wird, wenn jemand ratlos ist und Hilfe braucht. Mit welcher Häme und boshafter Schadenfreude hören von den Problemen Prominenter. Wie wenig denken wir aber, dass dies ganz normale, eigentlich arme Menschen sind, die vielleicht durch all den Medienrummel ein solches Bild von Übermenschen von sich selbst übernommen haben, dass  sie den Kontakt zu ihren Schattenseiten längst verloren haben. Menschlichkeit heißt aber immer auch, fragwürdig sein, nicht alles wissen, nicht alles können. Auf der Suche sein, Fragen stellen. Unruhig sein. Ängstlich sein. Der Hilfe anderer bedürfen. Wer sich dies eingestehen kann, lebt erlöster.

Nikodemus kommt zu Jesus. Von ihm hat er gehört, dass er ein besonderer Mensch sein soll. Von ihm hat er so eine schwache Ahnung, dass der etwas von Gott weiss, was ihm, Nikodemus, bisher verborgen war. Vielleicht kann er mit ihm fachsimpeln in Sachen Glauben.

Aber Jesus belehrt ihn eines Besseren. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Jesus läßt kein allgemeines Fachsimpeln zu. Er kommt zum Kern der Sache. Er führt ein seelsorgerliches Gespräch mit Nikodemus. Jesus erkennt im Fragen des nur scheinbar so selbstsicheren Mannes dessen tiefe innere Zerrissenheit. Dieser Mensch ist auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Auf der Suche nach Gott.

Ein frommer Mann, dieser Nikodemus. Er führt ein anständiges Leben. Er kennt sich aus in der Welt und im Glauben. Er tut Gutes, gibt den Zehnten an die Armen. Und doch ist er schlaflos vor Sehnsucht nach dem Glück. Jesus sagt ihm: „Du musst neu geboren werden.“ Aus eigener Kraft wirst du deine Sehnsucht nicht stillen können. Du hast viel erreicht und geschafft mit deinen eigenen Möglichkeiten - aber deine Seele erlösen, dass kannst du nicht. Dazu reichen deine Möglichkeiten nicht.

Nikodemus ist wie vor den Kopf geschlagen. Das hat er noch nicht gehört. Das hat noch keiner zu ihm gesagt. Das hat er nirgendwo gelesen. Neu geboren werden - wie soll das gehen? Ganz neu anfangen - aber wie?

Sehen Sie, liebe Schwestern und Brüder, darum ist es so, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in den Himmel kommt. Auch Nikodemus ist reich - reich an Bildung, an gesellschaftlichem Rang, an Macht und Einfluß. Für ihn heißt neu geboren werden, vieles aufgeben. Ein Kranker, Armer, Leidender, der hat es leichter, weil er weniger zu verlieren hat. Der ist ja froh, wenn er von seinem äußerlich mißglückten Leben loskommt. Der gute Nikodemus aber muss erst einmal erkennen, dass sein bisheriges Leben kein Weg war, in Frieden mit Gott, mit sich selbst leben zu können.

Nikodemus muss sich etwas für ihn ganz Schwieriges eingestehen: Dass er Hilfe braucht. Dass er nicht besser als ein Zöllner und Sünder ist. Dass es auch ihm unmöglich ist, aus eigener Kraft glücklich zu werden. Der neue Mensch, der er doch so gerne auch wäre, er ist nicht das Ergebnis menschlicher Bemühungen, so ernst sie auch immer gemeint sind.

Den neuen Menschen, der freien Menschen zu schaffen, das liegt außerhalb der menschlichen Möglichkeiten. Der neue Mensch ist ein Geschenk. Ist das Ergebnis von Wasser der Taufe und der Ausgießung des Heiligen Geistes auf die Menschen. „Was vom Geist geboren ist, das ist Geist.“

Was ist denn passiert, als der Heilige Geist zu ersten Mal über die Jünger kam, damals in Jerusalem am Pfingstfest?

Wie ein frischer Wind, der an schwül-heißen Tagen für neue Lebensluft sorgt, dass man wieder richtig durchatmen kann, der Bäume, Sträucher, Kornfelder in Bewegung setzt, der Segelboote und Surfbretter antreibt, so hat er die Jünger spüren lassen, was es heißt, „neu geboren zu werden“: Erst einmal war das Gefängnis ihrer selbstgewählten Traurigkeit gesprengt, sie gingen wieder auf einander zu, stellten sich ihrer Ängsten und Enttäuschungen. Lernten, damit so umzugehen, dass sie sich nicht länger von ihnen lähmen lassen mussten.

Sie sprangen hinein mitten in das Leben. Sie standen auf festen Boden, und es sprudelte nur so aus ihnen heraus, was sonst fest in ihnen verborgen war. Sie konnten auch von ihrer Schuld reden, hatten alle Menschenangst verloren. Bekamen einen offenen Blick für die Nöte anderer. Alle Resignation und Gleichgültigkeit war wie weggeblasen. Aus zaghaften und wehleidigen Menschen wurden tatkräftige Charismatiker, die mit ihrer Lebensfreude andere ansteckten.

Die anderen staunten: Was ist denn mit denen los? Einige staunten nur und schüttelten den Kopf. Sie gingen weiter. Andere aber ließen sich anstecken, fragten nach, blieben dabei, stimmten ein in den Lobgesang Gottes, ließen sich mitreißen - und erlebten auch eine neue Geburt.

Alles ist möglich - wenn Gottes Geist ins Spiel kommt. Auch für Nikodemus. Ob er kopfschüttelnd und traurig noch in der Nacht wieder allein nach Hause gegangen ist oder ob er aufgewühlt und Innersten angesprochen noch in der Nacht beschlossen hat, am nächsten Morgen ganz offiziell in die Nachfolge Jesu zu treten - wir wissen es nicht. Es bleibt ein Geheimnis. Der Geist Gottes weht, wo er will. Den Geist Gottes kannst du nicht erforschen, nicht einkaufen, nicht erlernen. Du musst dich mit deiner ganzen Person in den Wind stellen und dich am besten ganz feste von ihm durchrütteln lassen. Das tut so gut. Nur keine Angst. Was du verlierst sind nur falsche Sicherheiten. Es beginnt ein neues Leben. Das ist gewiß. Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen. 

 

 

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16. Juli 2003

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