Schuster Martin

Predigt zum vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, 16. November 2003

Pfarrer Detlev Schuchardt, Bad Lippspringe

I.Reihe: Matthäus 25, 31-46

Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zu seiner Linken.
Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? oder durstig und haben dich getränkt? Wann haben wir dich als einen Gast gesehen und beherbergt? oder nackt und dich bekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherbergt. Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besucht. Da werden sie ihm antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig oder durstig oder als einen Gast oder nackt oder krank oder gefangen und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Friede sei mit euch und die Gnade Gottes in Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwester und Brüder, heute auch besonders: liebe Kinder!

Zu unserem heutige Predigttext gibt es eine Geschichte, die euch unbedingt erzählen muss:

Es war einmal ein Schuster, der Martin hieß, und in einem Keller wohnte. Durch das kleine Kellerfenster konnte er die Menschen sehen die draußen auf der Straße vorübergingen. Zwar sah er nur ihre Füße, aber er erkannte jeden an seinen Schuhen. Fast alle diese Schuhe und Stiefel hatte er schon ein paar mal geflickt und ausgebessert.
Er lebte ganz allein in dem Keller der zugleich Wohnung und Werkstatt war. Seine Frau und alle seine Kinder waren gestorben.
"Warum hat Gott mir das angetan" sagte er eines Tages zu einem alten Bauern. "Ich habe keine Freude mehr am Leben." "Gott hat es dir gegeben" antwortete der Bauer. "Wenn du für ihn lebst, wirst du nicht mehr traurig sein."
"Wie kann ich für Gott leben?" fragte Martin.
"Lies die Bibel dann weißt du es."
Von diesem Tag an las Martin jeden Abend in der Bibel. Tagsüber arbeitete er fleißig - er nagelte neue Sohlen auf die Schuhe und flickte die geplatzten Nähte. Sobald es jedoch dämmerig wurde, zündete er die Lampe an und holte die Bibel. Je öfter er darin las, desto leichter wurde ihm zumute. Eines Abends war er so müde dass er über der Bibel einschlief.
Am nächsten Morgen schaute er immer wieder aus dem Fenster. Bald sah er ein Paar geflickte Filzstiefel, und er wußte, dass es Stepan war, der alte Soldat, der draußen Schnee schaufelte.
Martin schlug eifrig Nägel in die Schuhsohle. Weil es ihm aber doch keine Ruhe ließ, schaute er erneut zum Fenster hinaus. Er sah, wie müde der alte Soldat war und wie sehr ihn das Schneeschaufeln anstrengte.
"Komm herein, Stepan, und wärm dich in meinem Keller!"
Der alte Mann schüttelte den Schnee von den Stiefeln und kam herein.
"Setz dich zu mir" sagte Martin, „und trink ein Glas Tee. Das wird dir gut tun.“ Nachdem der Alte den heißen Tee getrunken hatte und fort gegangen war, arbeitete Martin weiter.
Nach einer Welle sah er auf der Straße eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm. Die Frau fror in einem viel zu dünnen ärmlichen Kleid und suchte vergeblich, ihr Kind vor dem kalten Wind zu schützen.
"Komm herein!" rief ihr Martin zu. "Setz dich an den Ofen, dass dir warm wird." Er schnitt ein Stück Brot ab, nahm die Suppe vom Herd und füllte einen Teller. Während die Frau aß, nahm Martin das Kind auf den Schoß und spielte mit ihm. Bevor die Frau fort ging, holte er seine alte Jacke.
"Da! Nimm sie! Ich habe nichts Besseres, aber du kannst zumindest dein Kind darin einwickeln."
Nicht lange danach hörte Martin lautes Geschrei vor seinem Fenster. Eine Marktfrau schlug auf einen kleinen Jungen ein, der einen Apfel aus ihrem Korb gestohlen hatte.
"Warte nur, du Dieb!" schrie sie zornig. "Ich bringe dich zur Polizei."
Martin rannte auf die Straße hinaus. "Laß ihn doch laufen!" sagte er zu der Frau. "Er wird es bestimmt nicht wieder tun. Den Apfel werde ich dir bezahlen."
Er gab der Frau ein paar Münzen, dann nahm er den Apfel und schenkte ihn dem Jungen. "Du mußt dich aber entschuldigen", sagte er.
Der Junge fing zu weinen an. "Ist schon gut!" sagte die Frau.
Als sie weiterging, lief ihr der Junge nach und half ihr, den schweren Korb zu tragen.
Martin kehrte in den Keller zurück und setzte sich an die Arbeit. Als es dunkel wurde, zündete er die Lampe an und schlug die Bibel auf.
Martin sah im Licht der Lampe den alten Stepan stehen. Die Frau mit dem Kind war da, der Junge mit dem Apfel und die Marktfrau. Alle lächelten Martin an und verschwanden dann.
Martin war glücklich. Er nahm die Bibel, und er las auf der Seite, die er aufgeschlagen hatte: "Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Was immer ihr den geringsten meiner Brüder getan habt das habt ihr mir getan."
(Nacherzählt nach Leo N. Tolstoi)

Soweit diese Geschichte.

Was sie uns verdeutlich ist, wie Menschen durch die Bibel zum Glauben finden. Der alte Schuster liest zwar eifrig in der Bibel, aber so richtig versteht er sie erst, als er auch ganz von sich heraus tut, was da in der Bibel steht. Da kann auch umgekehrt geschehen: Dass da Menschen gar nicht wissen, wie christlich, wie gläubig sie leben - und erst später dazu kommen, eifrig in der Bibel zu lesen.

Der Schuster Martin lebt ein ganz normales Leben. Dort in seiner Kellerwohnung hat er sich gut eingerichtet. Er kennt hat ein Auskommen, seine eigene heile Welt, kennt die Menschen und die Wege, die sie so durchs Leben gehen. Ein ganz normales Leben - wäre da nicht die Bibel, die er immer wieder liest.

Auch wir haben unser Leben, haben uns mehr oder weniger gut eingerichtet, versuchen uns mehr oder weniger erfolgreich durch Leben zu schlagen, sehen erst einmal uns, sitzen auf unseren vier Buchstaben, haben vielleicht auch eine Bibel - aber lesen wir wirklich darin? Begreifen wir, welcher Schatz an Lebensweisheiten darin steckt?

Der Schuster Martin tut etwas, was wir Menschen im 21.Jahrhundert nur noch selten tun: Er blickt auf, sieht den alten Soldaten, wie er traurig und müde Schnee schaufelt. Und er schaut nicht weg, schaut länger hin - und bittet ihn herein, teilt Wärme und Tee mit ihm. Volkstrauertag 2003 - sehen wir diesen Moment länger hin, wenn wir die Opfer von Kriegen und Gewalt frieren sehen? Teilen wir wirklich unser Haus mit ihnen - oder sagen wir all zu schnell: dafür sind wir nicht zuständig ...

Da ist die Frau, die arm ist und ihr Kind, das ungeschützt dem Wind ausgesetzt sein muss. „Armut ist weiblich“ - so belegt es der Armutsbericht der Bundesregierung. Viele Rentnerinnen und Alleinerziehenden leiden unter der zunehmenden Kälte in unserer Gesellschaft. Kinder sind unschuldige Opfer verfehlter Politik. Wieder teilt der alte Schuster: Teilt Brot, Suppe, sein Haus. Zärtlich nimmt er das Kind auf den Schoß. Auch in unserem Land gibt es längst wieder Armut. Sehen wir sie? Nehmen wir diese Menschen ganz selbstverständlich in unsere Mitte, sind wir gut zu ihnen und sind wir bereit zum Teilen ...

Und zuletzt der Diebstahl des kleinen Jungen auf dem Markt. Mundraub, aber auch ein Diebstahl. Der alte Schuster tritt mutig für die Versöhnung ein, zeigt Zivilcourage. Und er hat recht: Weil er vergibt, stiftet er Frieden - der ehemalige Dieb trägt der ehemals Bestohlenen freiwillig den schweren Korb. Sind wir bereit zur Vergebung? Zum Neuanfang? Legen wir nicht oft lieber andere auf ihre Schuld fest, als einfach unseren Beitrag zu leisten, damit mehr Versöhnung geschieht ...

Drei Beispiele dafür, dass wir mitten in unserer kleinen Welt etwas tun können für mehr Menschlichkeit, mehr Wärme, mehr Gerechtigkeit, mehr Liebe. Und dass das glücklich. Erst im Nachhinein erkennt Martin, dass er - ohne es zu wollen - genau den Willen Jesu getan hat: „Was du einem meiner geringsten Schwestern und Brüder getan hast, das hast du mir getan ...“

Manches ist ganz leicht zu verstehen. Opfer von Gewalt und Krieg gibt es auch unter uns. Ebenso wie arme Frauen und Kinder sowie Schuldig-Gewordene. Einfach, weil es sie gibt, ihnen zu helfen: Das will Gott. Nicht aus Berechnung, weil man sich damit einen Platz im Himmel verdienen kann, nein, dass nicht.

Offensein für die Liebe und die liebevolle Tat ohne Hintergedanken, einfach nur, weil es aus dem Glauben und der Achtsamkeit für das Schwache heraus geschieht, daraus folgt das Glücksgefühl, das den Schuster Martin so bewegt - und das ist die echte Begegnung mit Jesus, denn „was ihr an den Geringsten getan habt, das habt ihr an mir getan“ sagt Jesus.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn.
Amen.

 

 


 

 

 

 

zurück zur Seite Predigten und Andachten
 

zurück zur Startseite der Ev. Kirchengemeinde Bad Lippspringe
 

16. November 2003