10/03/2026 0 Kommentare
Du, meine Seele, singe
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Du, meine Seele, singe
Zum 350. Todestag von Paul Gerhardt (1607–1676)
Paul Gerhardt ist ein Phänomen: Noch 350 Jahre nach seinem Tod spenden seine Liedtexte vielen Menschen Kraft und Orientierung für ihr eigenes Leben. Nicht umsonst zählen seine Lieder neben Grimms Märchen und Luthers Bibelübersetzung zu den bekanntesten deutschen Texten. 26 Lieder sind von Paul Gerhardt im Stammteil des Evangelischen Gesangbuchs vertreten. Auch das katholische Gesangbuch „Gotteslob“ enthält fünf Lieder.
Am 12. März 1607 wird Paul Gerhardt in Gräfenhainichen geboren. Mit 15 Jahren kommt er als Vollwaise auf die Fürstenschule nach Grimma. Danach studiert er über 15 Jahre Theologie an der Wittenberger Universität und beginnt dort, wie er sie selbst nennt, „gesunde Lieder“ auf der Grundlage der Bibel zu schreiben. Ab September 1643 lebt der noch immer sogenannte „Student der Theologie“ als Hauslehrer in Berlin. Zu der Zeit arbeitet an der Nikolaikirche der Mann als Kantor, der als kirchenmusikalischer Entdecker von Gerhardts Liedern gilt: Johann Crüger (1598–1662). Crügers Melodien verleihen Gerhardts Liedern die ersten Flügel. Durch das Gesangbuch, das Crüger herausgibt, bekommen sie eine weite Verbreitung.
Erst mit 44 Jahren übernimmt Gerhardt eine Pfarrstelle in Mittenwalde. Drei Jahre später heiratet er Anna Maria Berthold. Durch den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) sind Land und Leute ausgezehrt, äußerlich und innerlich. Von den einst 1.000 Einwohnern in Mittenwalde leben nur noch 250 Menschen am Ort. Der Dichterpfarrer versucht, ein geordnetes Gemeindeleben aufzubauen. Mit seiner Frau stellt er sich auch privat in den Dienst der Gemeinde und erweist sich als Freund der einfachen Leute. Eigenes Leid bleibt dem Ehepaar nicht erspart. Nach nur acht Monaten stirbt im Januar 1657 ihre erste Tochter. Drei weitere Kinder müssen die Gerhardts dann in Berlin nach nur kurzer Lebenszeit begraben. Nur ein Sohn wird sie überleben.
Nach fünfeinhalb Jahren in Mittenwalde erhält Paul Gerhardt einen Ruf nach Berlin an die Hauptkirche St. Nikolai. Gerhardt steht jetzt auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Da wird er in einen Konflikt mit seinem Landesfürsten Friedrich Wilhelm (1620–1688) hineingezogen. Es ist ein Gewissenskonflikt. Für Gerhardt ist es unerträglich, dass sein weltlicher Landesherr Gehorsam in Glaubensfragen einfordert und seine Unterschrift unter ein „Toleranzedikt“ verlangt. Das Ende vom Lied ist: Der große Kurfürst, dessen Lieblingslied „Befiehl du deine Wege“ gewesen sein soll, verstößt dessen Dichter. Überdies bleibt es Gerhardt nicht erspart, dass er nach dem Verlust des Amtes auch noch seine Ehefrau verliert, die 1668 stirbt. Ab Sommer 1669 übt er in Lübben im Spreewald den Pfarrberuf aus. Doch Gerhardts Kräfte nehmen immer mehr ab. Lieder entstehen keine mehr. Am 27. Mai 1676 stirbt Paul Gerhardt mit 69 Jahren.
gemeindebrief.evangelisch.de - Reinhard Ellsel
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